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(v1)
Tao Te King - Das Buch des Alten vom Sinn und Leben
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Lao Tzu
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Verkörperung des Sinns
"Der SINN, den man ersinnen kann, ist nicht der ewige SINN. Der Name, den man nennen kann, ist nicht der ewige Name. Jenseits des Nennbaren liegt der Anfang der Welt. Diesseits des Nennbaren liegt die Geburt der Geschöpfe. Darum führt das Streben nach dem Ewig-Jenseitigen zum Schauen der Kräfte, das Streben nach dem Ewig-Diesseitigen zum Schauen der Räumlichkeit. Beides hat Einen Ursprung und nur verschiedenen Namen. Diese Einheit ist das Große Geheimnis. Und des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis: Das ist die Pforte der Offenbarwerdung aller Kräfte."
Pflege der Persönlichkeit
"Wenn auf Erden alle das Schöne als schön erkennen, so ist dadurch schon das Häßliche gesetzt. Wenn auf Erden alle das Gute als gut erkennen, so ist dadurch schon das Nichtgute gesetzt. Denn Sein und Nichtsein erzeugen einander. Schwer und Leicht vollenden einander. Lang und Kurz gestalten einander. Hoch und Tief verkehren einander. Stimme und Ton sich vermählen einander. Vorher und Nachher folgen einander. Also auch der Berufene: Er verweilt im Wirken ohne Handeln. Er übt Belehrung ohne Reden. Alle Wesen treten hervor, und er verweigert sich ihnen nicht. Er erzeugt und besitzt nicht. Er wirkt und behält nicht. Ist das Werk vollbracht, so verharrt er nicht dabei. Und eben weil er nicht verharrt, bleibt er nicht verlassen."
Friede auf Erden
"Die Bedeutenden nicht bevorzugen: so verhütet man, daß die Leute streiten. Schwer zu erlangende Güter nicht wert halten: so verhütet man, daß die Leute zu Dieben werden. Auf nichts Begehrenswertes sehen: so verhütet man, daß das Herz sich verwirrt. Also auch ist das die Ordnung des Berufenen: Er macht ihr Herz leer und ihren Leib tüchtig. Er macht ihr Begehren schwach und ihre Knochen stark. Er sorgt stets, daß die Leute ohne Erkennen und ohne Begehren sind, und daß jene »Erkennenden« nicht zu handeln wagen. Das Nicht-Handeln üben: so kommt alles in Ordnung."
Von Ewigkeit her
"Der SINN faßt alles Bestehende in sich. Aber durch sein Wirken geht er nicht etwa im Bestehenden auf. Abgründig ist er, als wie aller Geschöpfe Ahn. Er mildert ihre Schärfe. Er löst ihre Wirrsale. Er mäßigt ihren Glanz. Er vereinigt sich mit ihrem Staub. Unsichtbar ist er und doch als wie wirklich. Ich weiß nicht, wessen Sohn er ist. Er scheint früher zu sein als der HERR."
Die Wirkung der Möglichkeit
"Nicht Liebe nach Menschenart hat die Natur: Ihr sind die Geschöpfe wie stroherne Hunde*. Nicht Liebe nach Menschenart hat der Berufene: Ihm sind seine Leute wie stroherne Hunde Ist nicht die Feste zwischen Himmel und Erde wie ein Blasebalg? Es ist leer und fällt doch nicht zusammen. Es bewegt sich, und um so mehr kommt daraus hervor. Aber viele Worte erschöpfen sich daran. Besser ist es, das Innere zu bewahren."
Das Werden der Formen
"Der Geist der Tiefe stirbt nicht. Das ist das Ewig-Weibliche. Des Ewig-Weiblichen Ausgangspforte Ist die Wurzel von Himmel und Erde. Endlos drängt sich's und ist doch wie beharrend. In seinem Wirken bleibt es mühelos."
Verhüllung des Lichts
"Der Himmel ist ewig und die Erde dauernd. Die Ursache der ewigen Dauer von Himmel und Erde ist, daß sie nicht sich selber leben. Darum können sie dauernd Leben geben. Also auch der Berufene: Er setzt sein Selbst hintan, und sein Selbst kommt voran. Er entäußert sich seines Selbst, und sein Selbst bleibt erhalten. Ist es nicht also: Weil er nichts Eigenes will, darum wird sein Eigenes vollendet?"
Das Wesen der Beweglichkeit
"Höchste Güte ist wie das Wasser. Des Wassers Güte ist es, allen Wesen zu nützen ohne Streit. Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten. Drum steht es nahe dem SINN. Beim Wohnen zeigt sich die Güte an dem Platze. Beim Denken zeigt sich die Güte in der Tiefe. Beim Schenken zeigt sich die Güte in der Liebe. Beim Reden zeigt sich die Güte in der Wahrheit. Beim Walten zeigt sich die Güte in der Ordnung. Beim Wirken zeigt sich die Güte im Können. Beim Bewegen zeigt sich die Güte in der rechten Zeit. Wer sich nicht selbst behauptet, bleibt eben dadurch frei von Tadel."
Selbstbeschränkung
"Etwas festhalten wollen und dabei es überfüllen: das lohnt der Mühe nicht. Etwas handhaben wollen und dabei es immer scharf halten: das läßt sich nicht lange bewahren. Mit Gold und Edelsteinen gefüllten Saal kann niemand beschützen. Reich und vornehm und dazu hochmütig sein: das zieht von selbst das Unglück herbei. Ist das Werk vollbracht, dann sich zurückziehen: das ist des Himmels SINN."
Möglichkeiten
"Wer leuchtend seinen Geist bewahrt, daß er Eines nur umfängt, der mag wohl innern Zwiespalt vermeiden. Wer seine Seele einfältig macht und demütig, der mag wohl werden wie ein Kindlein. Wer reinigt und läutert sein inneres Schauen, der mag wohl seiner Fehler ledig werden. Wer seine Leute liebt als Herrscher des Reichs, der mag wohl ohne Handeln wirken können. Wenn des Himmels Pforten sich öffnen und schließen, so mag er wohl rein empfangend sein. Wer mit klarem Blicke alles durchdringt, der mag wohl ohne Kenntnisse bleiben. Erzeugen und ernähren, erzeugen und nicht besitzen: wirken und nicht behalten, mehren und nicht beherrschen: Das ist geheimes LEBEN."
Die Wirksamkeit des Negativen
"Dreißig Speichen treffen sich in einer Nabe: Auf dem Nichts daran (dem leeren Raum) beruht des Wagens Brauchbarkeit. Man bildet Ton und macht daraus Gefäße: Auf dem Nichts daran beruht des Gefäßes Brauchbarkeit. Man durchbricht die Wand mit Türen und Fenstern, damit ein Haus entstehe: Auf dem Nichts daran beruht des Hauses Brauchbarkeit. Darum: Das Sein gibt Besitz, das Nichtsein Brauchbarkeit."
Zügelung der Begierden
"Die Farben machen der Menschen Augen blind. Die Töne machen der Menschen Ohren taub. Die Würzen machen der Menschen Gaumen schal. Rennkampf und Jagd machen der Menschen Begehren wild. Seltene Güter machen der Menschen Wandel irr. Also auch der Berufene: Er sorgt für den Leib und nicht für das Auge. Darum tut er ab das Ferne und hält sich ans Nahe."
Abscheu vor Beschämung
"Gnade ist beschämend durch die Furcht. Ehre ist ein großes Übel durch das Ich. [Was heißt das: »Gnade ist beschämend durch die Furcht?« Gnade ist etwas Erniedrigendes; bekommt man sie, so muß man sich wie fürchten, verliert man sie, so muß man sich wie fürchten. Das heißt: »Gnade ist beschämend durch die Furcht.« Was heißt das: »Ehre ist ein großes Übel durch das Ich?« Der Grund, warum ich große Übel erfahre, ist, daß ich ein Ich habe. Wenn ich kein Ich habe, welches Übel gibt es dann noch?] Darum: Wer in seinem Ich die Welt ehrt, dem kann man wohl die Welt anvertrauen. Wer in seinem Ich die Welt liebt, dem kann man wohl die Welt übergeben."
Lob des Geheimnisses
"Man schaut nach ihm und sieht ihn nicht: Sein Name ist: Gleich. Man horcht nach ihm und hört ihn nicht: Sein Name ist: Fein. Man faßt nach ihm und ergreift ihn nicht: Sein Name ist: Klein. Diese drei kann man nicht trennen, sie sind vermischt und bilden Eines. Sein Oberes ist nicht klarer, sein Unteres ist nicht trüber. Grenzenlos quellend, man kann ihn nicht nennen, er reicht zurück ins Nicht-Wesen. Das ist es, das gestaltlose Gestalt heißt, und das bildloses Bild heißt. Das ist es, das Unsichtbarkeit heißt: Ihm entgegenkommend sieht man nicht sein Antlitz, ihm folgend sieht man nicht seine Rückseite. Wer erfaßt den SINN des Alten, kann damit beherrschen das Sein des Heute und kann die Uranfänge erkennen: Das ist des SINNS durchgehender Faden."
Wie das Leben sich zeigt
"Die vor alters tüchtig waren als Meister, waren im Verborgenen eins mit den unsichtbaren Kräften. Tief waren sie, so daß man sie nicht kennen kann. Weil man sie nicht kennen kann, darum kann man nur mit Mühe ihr Äußeres beschreiben. Zögernd, wie wer im Winter einen Fluß durchschreitet, vorsichtig, wie wer von allen Seiten Nachbarn fürchtet, zurückhaltend, wie Gäste, einfach, wie unbearbeiteter Stoff, weit waren sie, wie die Tiefe, undurchsichtig waren sie, wie das Trübe. Wer kann (wie sie) das Trübe durch Stille allmählich klären? Wer kann (wie sie) die Ruhe durch Dauer allmählich erzeugen? Wer diesen SINN bewahrt, begehrt nicht Fülle. Denn nur weil er keine Fülle hat, darum kann er gering sein, das Neue meiden und die Vollendung erreichen."
Rückkehr zur Wurzel
"Wenn wir die äußerste Selbstenteignung erreicht, die Stille unerschütterlich bewahren, so mögen alle Wesen zugleich sich regen: wir schauen zu, wie sie wiederkehren. Der Wesen zahllose Menge entwickelt sich, doch jedes wendet sich zurück zu seiner Wurzel. Zurückgewandt sein zur Wurzel: das ist Stille. Stille: das ist Rückkehr zur Bestimmung. Rückkehr zur Bestimmung: das ist Ewigkeit. Die Ewigkeit erkennen: das ist Weisheit. Wer die Ewigkeit nicht erkennt, der handelt blindlings und unheilvoll. Erkenntnis der Ewigkeit bringet Duldsamkeit. Duldsamkeit bringet Edelsinn. Edelsinn bringet Herrschaft. Herrschaft bringet himmlisches Wesen. Himmlisches Wesen bringet den SINN. Der SINN bringet Dauer. Ist das Ich nicht mehr, so gibt es keine Gefahren."
Reinheit des Wirkens
"Herrscht ein ganz Großer, so weiß das Volk nur eben, daß er da ist. Mindere werden geliebt und gelobt, noch Mindere werden gefürchtet, noch Mindere werden mißachtet. Vertraut man nicht genug, so findet man kein Vertrauen. Wie überlegt waren jene im Werten ihrer Worte! Die Werke wurden vollbracht, die Arbeit wurde getan, und die Leute im Volk dachten alle: »Wir sind selbständig.«"
Verfall der Sitte
"Der große SINN ward verlassen: so gab es Sittlichkeit und Pflicht. Klugheit und Erkenntnis kamen auf: so gab es die großen Lügen. Die Blutsverwandten wurden uneins: so gab es Kindespflicht und Liebe. Die Staaten kamen in Verwirrung und Unordnung: so gab es treue Diener."
Rückkehr zur Echtheit
"Gebt auf die Heiligkeit, werft weg die Erkenntnis: Und das Volk wird hundertfach gewinnen! Gebt auf die Sittlichkeit, werft weg die Pflicht: Und das Volk wird zurückkehren zu Familiensinn und Liebe! Gebt auf die Kunst, werft weg den Gewinn: Und Diebe und Räuber wird es nicht mehr geben! In diesen drei Stücken ist der schöne Schein nicht ausreichend. So sorgt, daß die Menschen etwas haben, woran sie sich halten können! Zeigt Einfachheit, haltet fest an der Lauterkeit: so mindert sich die Selbstsucht, so verringern sich die Begierden."
Abseits von der Menge
"Gebt auf eure Gelehrsamkeit: so werdet ihr frei von Sorgen! Zwischen Ja und Jawohl: was ist da für ein Unterschied? Zwischen Gut und Böse: was ist da für ein Unterschied? Was aber alle verehren, das darf man nicht ungestraft bei Seite setzen. O Einöde, habe ich noch nicht deine Mitte erreicht? Die Menschen der Menge sind strahlend, wie bei der Feier großer Feste, Wie wenn man im Frühling auf die Türme steigt: Ich allein bin unschlüssig, noch ohne Zeichen für mein Handeln. Wie ein Kindlein, das noch nicht lachen kann! Ein müder Wanderer, der keine Heimat hat! Die Menschen der Menge leben alle im Überfluß: Ich allein bin wie verlassen! Wahrlich, ich habe das Herz eines Toren! Chaos, ach Chaos! Die Menschen der Welt sind hell, so hell: Ich allein bin wie trübe! Die Menschen der Welt sind so wißbegierig: Ich allein bin traurig, so traurig! Unruhig, ach, als das Meer! Umhergetrieben, ach, als einer der nirgends weilt! Die Menschen der Menge haben alle etwas zu tun: Ich allein bin müßig wie ein Taugenichts! Ich allein bin anders, als die Menschen: Denn ich halte wert die spendende Mutter."
Das leere Herz
"Des großen LEBENS Form folgt ganz dem SINN. Der SINN wirkt die Dinge unsichtbar, unfaßlich! Unfaßlich, unsichtbar sind in ihm Bilder! Unsichtbar, unfaßlich sind in ihm Dinge! Unergründlich, dunkel ist in ihm Same! Dieser Same ist die Wahrheit. In ihr ist der Glaube. Von Anbeginn bis heute ist sein Name nicht zu entbehren, um zu verstehen aller Dinge Entstehung. Und woher weiß ich, daß aller Dinge Entstehung so beschaffen ist? Eben durch ihn."
Wert der Demut
"»Was halb ist, wird voll werden. Was krumm ist, wird gerade werden. Was leer ist, wird gefüllt werden. Was alt ist, wird neu werden. Wer wenig hat, wird bekommen. Wer viel hat, wird umnebelt werden.« Also auch der Berufene: Er umfaßt das Eine und ist der Welt Vorbild. Er will nicht selber scheinen, darum wird er erleuchtet. Er will nichts selber sein, darum wird er herrlich. Er rühmt sich selber nicht, darum vollbringt er Werke. Er tut sich nicht selber hervor, darum wird er erhoben. Denn wer nicht streitet, mit dem kann niemand auf der Welt streiten. Was die Alten gesagt: »Was halb ist, soll voll werden«, ist fürwahr kein leeres Wort. Alle wahre Vollkommenheit ist darunter befaßt."
Leere und Nichtsein
"Seine Worte selten machen, dann geht alles von selber. Ein Wirbelwind dauert keinen Morgen lang. Ein Platzregen dauert keinen Tag. Und wer ist es, der diese wirkt? Der Himmel und die Erde. Wenn nicht einmal der Himmel und die Erde in solchen Dingen Dauer haben, wieviel weniger der Mensch. [Darum: Wenn du an dein Werk gehst mit dem SINN, so wirst du mit denen, so den SINN haben, eins im SINN, mit denen, so das LEBEN haben, eins im LEBEN, mit denen, so arm sind, eins in ihrer Armut. Bist du eins mit ihnen im SINN, so kommen dir die, so den SINN haben, auch freudig entgegen. Bist du eins mit ihnen im LEBEN, so kommen dir die, so das LEBEN haben, auch freudig entgegen. Bist du eins mit ihnen in ihrer Armut, so kommen dir die, so da arm sind, auch freudig entgegen. Wo aber der Glaube nicht stark genug ist, da findet man keinen Glauben.]"
Bittere Herrlichkeit
"Wer auf den Zehen steht, steht nicht fest. Wer mit gespreizten Beinen geht, kommt nicht voran. Wer selber scheinen will, wird nicht erleuchtet. Wer selber etwas sein will, wird nicht herrlich. Wer selber sich rühmt, vollbringt nicht Werke. Wer selber sich hervortut, wird nicht erhoben. Er ist für den SINN wie Küchenabfall und Eiterbeule. Und auch die Geschöpfe alle hassen ihn. Darum: wer den SINN hat, weilt nicht dabei."
Des unzulänglichen Gleichnis
"Sein und Nichtsein ist ungetrennt durcheinander, ehe Himmel und Erde entstehen. So still! so leer! Allein steht es und kennt keinen Wechsel. Es wandelt im Kreise und kennt keine Unsicherheit. Man kann es fassen als die Mutter der Welt. Ich weiß seinen Namen nicht. Ich bezeichne es als »SINN«. Mich mühend seine Art zu künden, nenne ich es: »groß«. Groß, damit meine ich: immer im Flusse. Immer im Flusse, damit meine ich: in allen Fernen. In allen Fernen, damit meine ich: in sich zurückkehrend. Und darum heißt es: Der SINN ist groß, der Himmel ist groß, die Erde ist groß und auch der Menschenkönig ist groß. Vier Große gibt es im Weltraum, und der Menschenkönig ist einer davon. Der Mensch hat die Erde zum Vorbild. Die Erde hat den Himmel zum Vorbild. Der Himmel hat den SINN zum Vorbild. Und der SINN hat sich selber zum Vorbild."
Wesen des Schweren
"Das Gewichtige ist des Leichten Wurzel. Die Stille ist der Unruhe Herr. Also auch der Edle: Er wandert den ganzen Tag, ohne sich vom schweren Gepäck zu trennen. Mag er auch alle Herrlichkeiten vor Augen haben: Er weilt zufrieden in seiner Einsamkeit. Wie viel weniger erst darf der Herr des Reiches in seinem Selbst den Erdkreis leicht nehmen! Durch Leichtnehmen verliert man die Wurzel. Durch Unruhe verliert man die Herrschaft."
Weisheit im Üben
"Guter Wandrer läßt keine Spur zurück. Guter Sprecher gibt sich keine Blöße. Guter Rechner braucht keine Rechenstäbchen. Guter Schließer schließt nicht mit Schloß und Riegel, und doch kann niemand auftun. Guter Binder bindet nicht mit Band und Strick, und doch kann niemand lösen. Also auch der Berufene: Er ist allzeit ein guter Retter der Menschen, darum gibt es keine verworfenen Menschen. Er ist allzeit ein guter Retter der Geschöpfe, darum gibt es keine verworfenen Geschöpfe. Das ist seine zweifache Erleuchtung. Er macht die guten Menschen zu Lehrern der Nichtguten, und macht die nichtguten Menschen zum Stoff für die Guten. Wer nicht ehren wollte seine Lehrer und nicht lieben wollte seinen Stoff, der wäre trotz aller Erkenntnis in großer Verblendung. Das ist das wichtigste Geheimnis."
Rückkehr zur Einfalt
"Wer seine männliche Kraft erkennt und dennoch in weiblicher Schwachheit weilt, der ist das Strombett der Welt. Ist er das Strombett der Welt, so verläßt ihn nicht das ewige LEBEN, und er kann wieder umkehren und werden wie ein Kindlein. Wer sein Licht erkennt und dennoch im Dunkel weilt, der ist das Vorbild der Welt. Ist er das Vorbild der Welt, so fehlt ihm nicht das ewige LEBEN, und er kann wieder umkehren zum Ungewordenen. Wer seine Ehre erkennt und dennoch in Schande weilt, der ist das Tal der Welt. Ist er das Tal der Welt, so hat er Genüge des ewigen LEBENS, und er kann wieder umkehren zur Einfalt. [Ist die Einfalt zerstreut, so gibt es »brauchbare« Menschen. Übt der Berufene sie aus, so wird er der Herr der Beamten. Darum: Großartige Gestaltung bedarf nicht des Beschneidens.]"
Vom Nichthandeln
"Die Welt erobern wollen durch Handeln: Ich habe erlebt, daß das mißlingt. Die Welt ist ein geistiges Ding, das man nicht behandeln darf. Wer handelt, verdirbt sie. Wer festhält, verliert sie. Denn: die Geschöpfe gehen voran oder folgen, sie seufzen oder schnauben, sie sind stark oder schwach, sie siegen oder unterliegen. Also auch der Berufene: Er meidet das Heftige. Er meidet das Üppige. Er meidet das Großartige."
Warnung vor dem Krieg
"Wer nach dem SINN dem Menschenherrscher hilft, zwingt nicht mit Waffen die Welt. Seine Art ist es, den Rückzug zu lieben. Wo Kämpfer geweilt, wachsen Disteln und Dornen. Hinter den großen Heeren her kommt sicher böse Zeit. Der Tüchtige will Entscheidung und nichts mehr. Er wagt nicht Eroberung mit Gewalt. Entscheidung, ohne sich zu brüsten, Entscheidung, ohne sich zu rühmen, Entscheidung, ohne stolz zu sein, Entscheidung, weil's nicht anders geht, Entscheidung, ferne von Gewalt. Sind die Geschöpfe stark geworden, altern sie. Denn das ist Wider-SINN. Und Wider-SINN ist nah dem Ende."
Die Waffen nieder
"Auch die schönsten Waffen sind unheilbringende Geräte, und die Geschöpfe hassen sie wohl. Darum: Wer den SINN hat, weilt nicht dabei. Der Edle in seinem gewöhnlichen Leben achtet die Linke als Ehrenplatz. Beim Waffenhandwerk ist die Rechte der Ehrenplatz. Die Waffen sind unheilbringende Geräte, nicht Geräte für den Edlen. Nur wenn er nicht anders kann, gebraucht er sie. Ruhe und Frieden sind ihm das Höchste. Er siegt, aber er freut sich nicht daran. Wer sich daran freuen wollte, würde sich ja des Menschenmordes freuen. Wer sich des Menschenmordes freuen wollte, kann nicht sein Ziel erreichen in der Welt. Bei Glücksfällen achtet man die Linke als Ehrenplatz. Bei Unglücksfällen achtet man die Rechte als Ehrenplatz. Der Unterfeldherr steht zur Linken, der Oberführer steht zur Rechten. Das heißt: er nimmt seinen Platz ein nach dem Brauch der Trauerfeiern. Menschen töten in großer Zahl, das soll man beklagen mit Tränen des Mitleids. Wer im Kampfe gesiegt, der soll wie bei einer Trauerfeier weilen."
Das Leben der Berufenen
"Solange der SINN in seiner vorweltlichen Ewigkeit verharrt, gibt es keine Namen. [So unscheinbar die Einfalt ist, so wagt doch niemand auf der Welt sie als bloßes Mittel zu verwenden. Wenn Fürsten und Könige sie zu wahren verstehen, so stellen sich alle Geschöpfe als Gäste zur Seite: Himmel und Erde vereinigen sich, um süßen Tau zu träufeln. Das Volk, ungeheißen, wird ganz von selber recht.] Wenn die äußere Gestaltung beginnt, Dann erst gibt es Namen. Solange die Namen am Sein einen Maßstab haben, weiß man auch noch, wo Einhalt zu tun ist. Weiß man, wo Einhalt tun, so vermeidet man Verwirrung. Man kann das Verhältnis des SINNS zur Welt vergleichen mit den Bergbächen und Talwassern, die sich in Ströme und Meere ergießen."
Unterschiede des Wesens
"Wer andre kennt, ist klug, Wer sich selber kennt, ist weise. Wer andere besiegt, hat Kraft, Wer sich selber besiegt, ist stark. Wer sich durchsetzt, hat Willen, Wer sich genügen läßt, ist reich. Wer seinen Platz nicht verliert, hat Dauer. Wer auch im Tode nicht untergeht, der lebt."
Die Aufgabe der Vollendung
"Der große SINN ist allgegenwärtig, er kann zur Rechten sein und zur Linken. Alle Geschöpfe verdanken ihm ihr Dasein, und er verweigert sich ihnen nicht. Das Werk wird vollbracht, und er nennt es nicht seinen Besitz. Er kleidet und nährt alle Geschöpfe, und er spielt nicht den Herrn. Insofern er ewig ohne Begehren ist, kann man ihn als klein bezeichnen. Insofern alle Geschöpfe sich ihm zuwenden, [und er spielt nicht den Herrn] kann man ihn als groß bezeichnen: Also auch der Berufene: Niemals macht er sich groß; Darum bringt er sein Großes Werk zustande."
Das Leben der Liebe
"Wer festhält das große Urbild, zu dem kommt die Welt. Sie kommt und wird nicht verletzt, in Ruhe, Gleichheit und Seligkeit. Musik und Köder: Sie machen wohl den Wanderer auf seinem Wege anhalten. Der SINN geht aus dem Munde hervor milde und ohne Geschmack. Du blickst nach ihm und siehst nichts Sonderliches. Du horchst nach ihm und hörst nichts Sonderliches. Du handelst nach ihm und – findest kein Ende."
Geheime Erleuchtung
"Was man zusammenziehen will, das muß man erst sich richtig ausdehnen lassen. Was man schwächen will, das muß man erst richtig stark werden lassen. Was man beseitigen will, das muß man erst richtig sich ausleben lassen. Wo man nehmen will, da muß man erst richtig geben. Das heißt die geheime Erleuchtung. Das Weiche siegt über das Harte. Das Schwache siegt über das Starke. Den Fisch darf man nicht der Tiefe entnehmen. Des Reiches Förderungsmittel darf man nicht den Leuten zeigen."
Ausübung der Herrschaft
"Der SINN ist ewig ohne Handeln, und nichts bleibt ungewirkt. Wenn Fürsten und Könige ihn zu wahren verstünden, so würden alle Geschöpfe von selber sich gestalten. Und wenn beim Gestalten die Wünsche sich regten, so würde ich sie zügeln durch Einfalt ohne Namen. Die Einfalt ohne Namen führt zur Wunschlosigkeit. Die Wunschlosigkeit führt zur Stille: So wird die Welt von selber recht."
Über das Leben
"Das hohe LEBEN sucht nicht sein LEBEN, also hat es LEBEN. Das niedere LEBEN sucht sein LEBEN nicht zu verlieren, also hat es kein LEBEN. Das hohe LEBEN ist ohne Handeln und ohne Absicht, Das niedere LEBEN handelt und hat Absichten: Die Liebe handelt und hat nicht Absichten. Die Gerechtigkeit handelt und hat Absichten. Die Moral handelt, und wenn man ihr entgegenkommt – so fuchtelt sie mit den Armen und zieht einen herbei. Darum: Ist der SINN abhanden, dann das LEBEN. Ist das LEBEN abhanden, dann die Liebe. Ist die Liebe abhanden, dann die Gerechtigkeit. Ist die Gerechtigkeit abhanden, dann die Moral. Diese Moral ist Treu und Glaubens Dürftigkeit und der Verwirrung Beginn. Vorbedacht ist des SINNES Schein und der Torheit Anfang. Also auch der rechte Mann: Er weilt beim Völligen und nicht beim Dürftigen. Er bleibt beim Sein und nicht beim Schein. Darum tut er ab das Ferne und hält sich ans Nahe."
Die Wurzel des Gesetzes
"Die im Anfang das Eine erlangten: Der Himmel erlangte das Eine und ist rein. Die Erde erlangte das Eine und ist fest. Die Geister erlangten das Eine und sind wirkend. Die Tiefe erlangte das Eine und erfüllt sich. (Alle Geschöpfe erlangten das Eine und leben.) Die Herrscher erlangten das Eine und sind das Richtmaß der Welt. In diesen allen wirkt das Eine. Wäre der Himmel nicht rein dadurch, so müßte er bersten. Wäre die Erde nicht fest dadurch, so müßte sie wanken. Wären die Geister nicht wirkend dadurch, so müßten sie erstarren. Wäre die Tiefe nicht erfüllt dadurch, so müßte sie sich erschöpfen. (Wären die Geschöpfe nicht lebendig dadurch, so müßten sie erlöschen.) Wären die Herrscher nicht erhaben dadurch, so müßten sie stürzen. Darum: Das Edle hat das Geringe zur Wurzel. Das Hohe hat das Niedrige zur Grundlage. Also auch die Fürsten und Könige: Sie nennen sich: »Einsam«, »Verwaist«, »Wenigkeit«. Dadurch bezeichnen sie das Geringe als ihre Wurzel. Oder ist es nicht so? Denn: Ohne die einzelnen Bestandteile eines Wagens gibt es keinen Wagen. Wünsche nicht das glänzende Gleißen des Juwels sondern die rohe Rauheit des Steins."
Wirkungsart des Zurückgehens
"Rückkehr ist die Bewegung des SINNS. Schwachheit ist die Äußerungsart des SINNS. Alle Dinge in der Welt entstehen im Sein. Das Sein entsteht im Nichtsein."
Gleichheit und Unterschied
"Wenn ein Weiser höchster Art vom SINNE hört, so bemüht er sich danach zu tun. Wenn ein Weiser mittlerer Art vom SINNE hört, so hält er bald an ihm fest, bald wieder gibt er ihn preis. Wenn ein Weiser niederer Art vom SINNE hört, so lacht er laut darüber. Wenn er nicht laut lacht, so war es noch nicht der eigentliche SINN. Darum hat ein Spruchdichter die Worte: »Der klare SINN erscheint dunkel. Der SINN des Fortschritts erscheint als Rückzug. Der ebene SINN erscheint rauh. Das höchste LEBEN erscheint als Leere. Die höchste Reinheit erscheint als Schmach. Das weite LEBEN erscheint als ungenügend. Das starke LEBEN erscheint verstohlen. Das wahre Wesen erscheint veränderlich. Das große Geviert hat keine Ecken. Das große Gerät wird spät vollendet. Der große Ton hat unhörbaren Laut. Das große Bild hat keine Form.« Der SINN in seiner Verborgenheit ist ohne Namen. Und doch ist gerade der SINN gut im Spenden und Vollenden."
Die Wandlungen des Sinns
"Der SINN erzeugt die Einheit. Die Einheit erzeugt die Zweiheit. Die Zweiheit erzeugt die Dreiheit. Die Dreiheit erzeugt alle Geschöpfe. Alle Geschöpfe haben im Rücken das Dunkle und umfassen das Lichte, und der unendliche Lebensatem gibt ihnen Einklang. Was die Menschen hassen, ist Verlassenheit, Einsamkeit, Wenigkeit. Und doch wählen Fürsten und Könige sie zu ihrer Selbstbezeichnung. Denn die Wesen werden entweder durch Verringerung vermehrt, oder durch Vermehrung verringert. Was andre lehren, lehre ich auch: »Die Starken sterben nicht eines natürlichen Todes«. Das will ich zum Ausgangspunkt meiner Lehre machen."
Ungehemmte Wirkung
"Das Allerweichste auf Erden überholt das Allerhärteste auf Erden. Das Nichtseiende dringt auch noch ein in das, was keinen Zwischenraum hat. Daran erkennt man den Wert des Nicht-Handelns. Die Belehrung ohne Worte, den Wert des Nicht-Handelns erreichen nur wenige auf Erden."
Warnung
"Der Name oder das Ich: Was steht näher? Das Ich oder der Besitz: Was ist mehr? Gewinnen oder verlieren: Was ist schlimmer? Nun aber: Wer sein Herz an andres hängt, verbraucht notwendig Großes. Wer viel sammelt, verliert notwendig Wichtiges. Wer sich genügen lässet, kommt nicht in Schande. Wer Einhalt zu tun weiß, kommt nicht in Gefahr und kann so ewig dauern."
Überströmendes Leben
"Große Vollendung muß wie unzulänglich erscheinen, so wird sie unendlich in ihrer Wirkung. Große Fülle muß wie leer erscheinen, so wird sie unerschöpflich in ihrer Wirkung. Große Geradheit muß wie krumm erscheinen. Große Begabung muß wie dumm erscheinen. Große Beredsamkeit muß wie stumm erscheinen. Bewegung überwindet die Kälte. Stille überwindet die Hitze. Reinheit und Stille ist der Welt Richtmaß."
Mäßigung der Begierden
"Wenn der SINN herrscht auf Erden, so tut man die Rennpferde ab zum Dungführen. Wenn der SINN abhanden ist auf Erden, so werden Kriegsrosse gezüchtet auf dem Anger. Keine größere Schuld gibt es als Billigung der Begierden. Kein größeres Übel gibt es als sich nicht lassen genügen. Kein schlimmeres Unheil gibt es als die Sucht nach Gewinn. Denn: Das Genügen der Genügsamkeit ist dauerndes Genügen."
Fernschau
"Ohne aus der Tür zu gehen, kann man die Welt erkennen. Ohne aus dem Fenster zu blicken, kann man des Himmels SINN erschauen. Je weiter einer hinaus geht, desto weniger wird sein Erkennen. Also auch der Berufene: Er wandert nicht und kommt doch ans Ziel. Er sieht sich nicht um und vermag doch zu benennen. Er handelt nicht und bringt doch zur Vollendung."
Vergessen des Erkennens
"Wer im Forschen wandelt, nimmt täglich zu. Wer im SINNE wandelt, nimmt täglich ab. Er verringert sein Tun und verringert es immer mehr, bis er anlangt beim Nicht-Tun. Beim Nicht-Tun bleibt nichts ungetan. Das Reich erlangen kann man nur, wenn man immer frei bleibt von Geschäftigkeit. Die Vielbeschäftigten sind nicht geschickt das Reich zu erlangen."
Das Wesen der Nachgiebigkeit
"Der Berufene hat kein Herz für sich. Er macht der Leute Herz zu seinem Herzen. Zu den Guten bin ich gut, und zu den Nichtguten bin ich auch gut; denn das LEBEN ist die Güte. Zu den Treuen bin ich treu, und zu den Nichttreuen bin ich auch treu; denn das LEBEN ist die Treue. Der Berufene lebt in der Welt ganz still, aber er macht sein Herz weit für die Welt. Die Leute alle starren auf ihn und horchen. Der Berufene behandelt sie alle als seine Kinder."
Die enge Pforte des Lebens
"Ausgehen ist Leben, eingehen ist Tod. Knechte des Lebens gibt es drei unter zehn, Knechte des Todes gibt es drei unter zehn. Menschen, die das Leben suchen und dabei ihre sterbliche Stelle regen, gibt es auch drei unter zehn. Warum das? Weil sie des Lebens Völligkeit erzeugen wollen. Ich habe wohl gehört: Wer gut das Leben zu führen weiß, der wandelt durch's Land und braucht nicht zu vermeiden Tiger und Nashorn. Er schreitet durch ein Heer und braucht nicht zu tragen Panzer und Waffen. Das Nashorn hat nichts an ihm, da es sein Horn einbohre. Der Tiger hat nichts, da er seine Krallen einschlage. Die Waffe hat nichts, das ihre Schneide aufnehme. Warum das? Weil er keine sterbliche Stelle hat."
Pflege des Lebens
"Der SINN erzeugt. Das LEBEN nährt. Das Wesen gestaltet. Die Kraft vollendet. Also auch: unter allen Geschöpfen ist keines, das nicht den SINN ehrt und das LEBEN werthält. Wird der SINN geehrt und das LEBEN gewertet, so bedarf es keiner Gebote: und alles geht beständig von selber. Darum, laß den SINN erzeugen, nähren, vermehren, bilden, vollenden, reifen, aufziehen, schützen: Erzeugen und nicht besitzen, wirken und nicht behalten, mehren und nicht beherrschen: Das ist geheimes LEBEN."
Rückkehr zum Ursprung
"Der Anfang des Seins der Welt heißt die Mutter der Welt. Wer seine Mutter findet, um seine Kindschaft zu erkennen, Wer seine Kindschaft erkennt, um seine Mutter zu bewahren: Der kommt beim Aufhören des Ichs in keine Gefahr. Wer seinen Mund zuhält und seine Pforten schließt, der hat sein Leben lang nicht Mühsal. Wer seinen Mund auftut und seine Handlungen in Ordnung bringen will, dem ist sein Leben lang nicht zu helfen. Wer das Kleine wahrnimmt, ist klar. Wer das Weiche wahrt, ist stark. Wer sein Licht gebraucht, um zurückzukehren zu seiner Klarheit, der hinterläßt kein Ich, das eine Gefahr treffen könnte. Das heißt: das Ewige erben."
Beweis des Überflusses
"Wenn ich nur von außen her die Kenntnis habe und wandeln will im großen SINN, so ist es äußeres Gebaren, das ich wichtignehme. Wo die großen Straßen schön eben sind, das Volk aber die Seitenwege liebt, wo die Hofhaltung schön sauber ist, aber die Felder voll Unkraut stehen und die Scheunen leer sind, wo die Kleidung schmuck und prächtig ist, wo jeder einen scharfen Dolch im Gürtel trägt, wo man heikel ist im Essen und Trinken, wo sich die Güter im Überfluß finden: Da herrscht Räuberwirtschaft, nicht der SINN."
Pflege des Schauens
"Was gut gepflanzt ist, wird nicht ausgerissen. Was gut umfangen wird, wird nicht entgehen. Wer sein Gedächtnis Söhnen und Enkeln hinterläßt, hört nicht auf. Gestaltet man danach sein Ich, so zeigt sich seines LEBENS Echtheit. Gestaltet man danach sein Haus, so zeigt sich seines LEBENS Fülle. Gestaltet man danach seine Gegend, so zeigt sich seines LEBENS Wachstum. Gestaltet man danach sein Land, so zeigt sich seines LEBENS Blüte. Gestaltet man danach seine Welt, so zeigt sich seines LEBENS Allgemeinheit. Darum: nach deinem Ich beurteile das Ich des andern. Nach deinem Haus beurteile das Haus der andern. Nach deiner Gegend beurteile die Gegend der andern. Nach deinem Land beurteile das Land der andern. Nach deiner Welt beurteile die Welt der andern. Und wie kann ich erkennen, daß es so steht in der Welt? Eben auf diese Weise."
Geheimnisvoller Zauber
"Wer festhält des LEBENS Völligkeit, der gleicht einem neugeborenen Kindlein: Giftige Schlangen stechen es nicht. Reißende Tiere packen es nicht. Raubvögel stoßen nicht nach ihm. Seine Knochen sind schwach, seine Sehnen weich, und doch kann es fest zugreifen. Es weiß noch nichts von Mann und Weib, und doch regt sich sein Blut, weil es des Samens Fülle hat. Es kann den ganzen Tag schreien, und doch wird seine Stimme nicht heiser, weil es des Friedens Fülle hat. Den Frieden erkennen heißt ewig sein. Die Ewigkeit erkennen heißt weise sein. Das Leben mehren nennt man Glück. Für sein Begehren seine Seelenkraft einsetzen, nennt man stark. Sind die Geschöpfe stark geworden, altern sie. Denn das ist Wider-SINN. Und Wider-SINN ist nahe dem Ende."
Verborgenes Leben
"Der Erkennende redet nicht, der Redende erkennt nicht. (Er hält seinen Mund zu und schließt seine Pforten. Er mildert ihre Schärfe, er löst ihre Wirrsale, er mäßigt ihren Glanz, er vereinigt sich mit ihrem Staub. Das ist geheime Vereinigung). Er ist unzugänglich für Annäherung. Er ist unzugänglich für Entfremdung. Er ist unzugänglich für Gewinn. Er ist unzugänglich für Schaden. Er ist unzugänglich für Ehre. Er ist unzugänglich für Niedrigkeit. Darum ist er der Vornehmste auf Erden."
Der echte Einfluß
"Zur Leitung des Staates braucht man Regierungskunst, zum Waffenhandwerk braucht man außerordentliche Begabung. Um aber die Welt zu gewinnen, muß man frei sein von Geschäftigkeit. Woher weiß ich, daß es also mit der Welt steht? Je mehr es Dinge auf der Welt gibt, die man nicht tun darf, desto mehr verarmt das Volk. Je mehr die Menschen Mittel des Wohlstandes haben, desto mehr kommt Reich und Haus in Verwirrung. Je mehr die Leute Kunst und Schlauheit pflegen, desto mehr erheben sich Wunderlichkeiten. Je mehr die Gesetze und Befehle prangen, desto mehr gibt es Diebe und Räuber. Darum spricht ein Berufener: Ich handle nicht, und das Volk wandelt sich von selbst. Ich liebe die Stille, und das Volk wird von selber recht. Ich habe keine Geschäfte, und das Volk wird von selber reich. Ich habe keine Begierden, und das Volk wird von selber einfach."
Schmiegsame Bekehrung
"Ist man beim Herrschen zurückhaltend und zögernd, so ist das Volk ehrlich und einfach. Will man beim Herrschen alles untersuchen und aufspüren, so zeigt das Volk nur Mängel und Fehler. Das Leid ist es, von dem das Glück abhängt. Das Glück ist es, auf das das Leiden lauert. Wer erkennt aber, daß es das Höchste ist, wenn nicht geordnet wird? Denn sonst verkehrt die Ordnung sich in Wunderlichkeiten, und das Gute verkehrt sich in Aberglaube. Und die Tage der Verblendung des Volkes dauern wahrlich lange. Also auch der Berufene: Er ist Vorbild, ohne zu beschneiden, er ist gewissenhaft, ohne zu verletzen, er ist echt, ohne Willkürlichkeiten, er ist licht, ohne zu blenden."
Bewahrung des Sinns
"Bei der Leitung der Menschen, beim Dienste des Himmels gibt es nichts Besseres als die Beschränkung. Denn nur die Beschränkung führt zu zeitigem Nachgeben. Durch zeitiges Nachgeben sammelt man reiche Schätze des LEBENS. Durch Sammeln von reichen Schätzen des LEBENS ist man jeder Lage gewachsen. Ist man jeder Lage gewachsen, so kennt niemand unsere Grenzen. Kennt niemand unsere Grenzen, so sind wir fähig, das Reich zu besitzen. Wer über die erzeugenden Kräfte des Reiches verfügt, der ist fähig, dauernd zu bestehen. Das ist die tiefe Wurzel und der feste Grund, der SINN ewigen Daseins und unendlichen Schauens."
Ausübung der Herrschaft
"Ein großes Reich muß man leiten sachte, wie man kleine Fischlein brät. Wenn man über dem Erdkreis waltet entsprechend dem SINN, so gehen die Abgeschiedenen nicht als Geister um. Nicht, daß die Abgeschiedenen keine Geisterkräfte hätten, aber ihre geistigen Kräfte schaden den Menschen nicht. Nicht nur daß ihre geistigen Kräfte den Menschen nicht schaden: Auch der Berufene schadet ihnen nicht. Wenn diese beiden nun sich nicht bekämpfen, so vereinigen sich ihre LEBENSKRÄFTE in ihrer Wirkung."
Leben der Demut
"Ein großes Reich muß sich unten halten, so wird es der Vereinigungspunkt der Welt. Es ist das Weibliche der Welt. Das Weibliche siegt durch seine Stille über das Männliche. Durch seine Stille hält es sich unten. Darum: ein großes Reich wird dadurch, daß es sich unten hält, die kleinen Reiche gewinnen. Ein kleines Reich wird dadurch, daß es sich unten hält, das große Reich gewinnen. Das eine hält sich unten und gewinnt die Menschen, das andere hält sich unten und gewinnt dadurch die Menschen. Wenn das große Reich nichts wünscht als die Menschen zu einigen und zu nähren, wenn das kleine Reich nichts wünscht als sich anzuschließen und zu dienen: so erhalten beide den Platz, den sie wünschen, aber das große muß sich unten halten."
Verwirklichung des Sinns
"Der SINN ist aller Geschöpfe Hort, der guten Menschen Schatz, der nichtguten Menschen Zuflucht. Mit hehren Worten ist man leicht geehrt. Mit hehren Taten ist man leicht erhoben. Aber die Nichtguten unter den Menschen: Warum sollte man die wegwerfen? Darum ist der Herrscher eingesetzt und die Fürsten haben ihr Amt. Ob man auch Zepter von Juwelen hätte, um sie im feierlichen Viererzug zu übersenden, nicht kommt das der Gabe gleich, wenn man diesen SINN auf seinen Knien dem Herrscher darbringt. Der Grund, warum die Alten diesen SINN so wert hielten, war kein andrer, als daß man von ihm wirklich sagen kann: Wer bittet, der empfängt. Wer Sünden hat, dem werden sie vergeben. Darum ist er der köstlichste Schatz in der Welt."
Denken beim Anfang
"Wer das Nichthandeln übt, sich mit Beschäftigungslosigkeit beschäftigt, Geschmack findet an dem, was nicht schmeckt: Der sieht das Große im Kleinen und das Viele im Wenigen. Er vergilt Groll durch LEBEN. Er plant das Schwere im Leichten. Er tut das Große im Geringen. Alle Schwierigkeiten auf Erden entstehen stets aus Leichtem. Alles Große auf Erden entsteht stets aus Geringem. Also auch der Berufene: Er denkt niemals an seine Größe, darum kann er seine Größe vollenden. Wer leichthin zusagt, findet stets wenig Glauben. Wer vieles leicht nimmt, findet stets viele Schwierigkeiten. Also auch der Berufene: Weil er die Schwierigkeiten bedenkt, darum findet er keine Schwierigkeiten."
Achtung aufs Geringe
"Was noch in Ruhe ist, kann man leicht behandeln. Was noch unentschieden ist, kann man leicht bedenken. Was noch saftig ist, kann man leicht brechen. Was noch winzig ist, kann man leicht zerstreuen. Man muß wirken auf das, was noch nicht da ist. Man muß ordnen, was noch nicht in Verwirrung ist. Ein Baum von zwei Klafter Umfang wächst aus einem haarfeinen Sprößling. Ein Turm von neun Stockwerken entsteht aus einem Erdhaufen. Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt. Wer handelt, verdirbt es. Wer festhält, verliert es. Also auch der Berufene: Er handelt nicht, so verdirbt er nichts. Er hält nicht fest, so verliert er nichts. Die Leute gehen an ihre Sachen: Und immer wenn sie fast fertig sind, so verderben sie es. Das Ende ebenso in Acht nehmen wie den Anfang: Dann gibt es keine verdorbenen Sachen. Also auch der Berufene: Er wünscht Wunschlosigkeit. Er hält nicht wert schwer zu erlangende Güter. Er lernt das Nichtlernen. Er wendet sich zu dem zurück, an dem die Menge vorübergeht. Dadurch fördert er den natürlichen Lauf der Dinge. Und wagt nicht zu handeln."
Reines Leben
"Die vor alters tüchtig waren in Ausübung des SINNES, sahen nicht auf des Volkes Aufklärung, sondern hielten es in der Einfalt. Daß die Leute schwer zu leiten sind, kommt von ihrer vielen Erkenntnis. Darum, wer durch Erkenntnis ein Reich leitet, ist des Reiches Räuber. Wer nicht durch Erkenntnis ein Reich leitet, ist des Reiches Segen. Wer diese beiden Dinge weiß, der hat ein Ideal. Immer dies Ideal zu kennen, ist verborgenes LEBEN. Verborgenes LEBEN ist tief, weitreichend, anders als alle Dinge, aber zuletzt bewirkt es das große Gelingen."
Selbstverleugnung
"Daß Ströme und Meere die Könige sind aller Täler, das kommt davon, daß sie tüchtig sind im Untensein. Darum sind sie die Könige aller Täler. Also auch der Berufene: Wenn er über seinen Leuten stehen will, so stellt er sich in seinem Reden unter sie. Wenn er seinen Leuten voran sein will, so stellt er sich in seinem Ich hintan. Also auch: Er weilt in der Höhe, und die Leute werden durch ihn nicht belastet. Er weilt am ersten Platze, und die Leute werden von ihm nicht verletzt. Also auch: Die ganze Welt ist willig, ihn voranzubringen, und wird nicht unwillig. Weil er nicht streitet, kann niemand auf der Welt mit ihm streiten."
Die drei Schätze
"Alle Welt sagt, mein »SINN« sei zwar großartig, aber er scheine für die Wirklichkeit nicht geschickt. Aber gerade das ist ja seine Größe, daß er für die Wirklichkeit nicht geschickt erscheint. Denn die Geschicklichkeit führt auf die Dauer zu Kleinlichkeit. Ich habe drei Schätze, die ich schätze und hüte: Der eine ist die Liebe, der zweite ist die Genügsamkeit, der dritte ist die Demut. Die Liebe macht, daß man mutig sein kann, die Genügsamkeit macht, daß man weitherzig sein kann, die Demut macht, daß man fähig wird zu herrschen. Heutzutage ist man mutig unter Preisgabe der Liebe, weitherzig unter Preisgabe der Genügsamkeit, den andern voran unter Preisgabe der Demut: das ist der Tod. Denn die Liebe siegt im Kampfe, ist fest in der Verteidigung. Wen der Himmel retten will, den schützt er durch die Liebe."
Gemeinsamkeit mit dem Himmel
"Wer tüchtig ist als Hauptmann, ist nicht kriegerisch. Wer tüchtig ist als Kämpfer, ist nicht zornig. Wer tüchtig ist den Feind zu besiegen, der streitet nicht mit ihm. Wer tüchtig ist im Verwenden der Menschen, der hält sich unten. Das ist das LEBEN der Friedfertigkeit, das ist die Fähigkeit, Menschen zu verwenden, das ist die Gemeinsamkeit mit dem Himmel: des Altertums höchstes Ziel."
Entfaltung des Geheimnisses
"Beim Kriegshandwerk gibt es ein Sprichwort: Besser ist es, den Gast zu spielen als den Herrn. Besser ist es, einen Fußbreit zurückzuweichen, als einen Zollbreit vorzugehen. Das heißt vorankommen, ohne vorzurücken, heißt zurückdrängen, ohne die Arme zu regen, heißt werfen, ohne anzugreifen, heißt festhalten, ohne die Waffen zu brauchen. Es gibt kein größeres Übel als leichthin anzugreifen. Wer leichthin angreift, verliert gar leicht meine Schätze. Darum: wo zwei Armeen kämpfend aufeinandertreffen, da siegt der, der es schweren Herzens tut."
Schwierigkeit des Verstandenwerdens
"Meine Worte sind ganz leicht zu verstehen und ganz leicht auszuführen, und doch ist niemand auf Erden im Stand sie zu verstehen und auszuführen. Diese Worte haben einen Vater. Diese Taten haben einen Herrn. Weil die nicht verstanden werden, darum werde ich nicht verstanden. Daß ich von wenigen nur verstanden werde, ist ein Zeichen meines Werts. Also auch der Berufene: Er trägt sein Juwel in härenem Gewand."
Erkenntnis des Leidens
"Wissen, daß man nichts weiß, ist das Höchste. Nichtwissen für Wissen achten, ist Leiden. Nur wer an seinem Leiden leidet, wird frei von Leiden. Der Berufene ist frei von Leiden. Weil er an seinem Leiden leidet, darum ist er frei von Leiden."
Selbstliebe
"Wenn die Leute das Furchtbare nicht fürchten, so naht das große Fürchterliche. Laß nicht unwürdig werden ihre Wohnung. Laß nicht verdrießlich werden ihr Los. Dadurch eben, daß man nicht verdrießlich wird, wird es nicht verdrießlich. Also auch der Berufene: Er erkennt sich selbst, aber er will nicht scheinen. Er liebt sich selbst, aber er sucht nicht Ehre für sich. Darum tut er ab das Ferne und hält sich ans Nahe."
Nachgiebigkeit im Wirken
"Wer seinen Mut zeigt in Waghalsigkeiten, der kommt um. Wer Mut zeigt, ohne waghalsig zu sein, der bleibt am Leben. Von diesen beiden hat die eine Art Gewinn, die andre Schaden. Wer aber weiß den Grund davon, daß der Himmel einen haßt? Also auch der Berufene: Er sieht die Schwierigkeiten. Des Himmels SINN streitet nicht und versteht doch zu siegen. Er redet nicht und versteht doch die rechte Antwort zu bekommen. Er winkt nicht, und es kommt ihm alles von selbst entgegen. Ruhig sitzt er da und versteht doch die rechten Entschlüsse zu fassen. Des Himmels Netz ist groß und weitmaschig, aber es entgeht ihm nichts."
Einschränkung des Selbstbetrugs
"Wenn die Leute den Tod nicht fürchten, wie will man sie da mit dem Tode schrecken? Die Leute aber in beständiger Furcht vor dem Tode halten, und wenn einer Wunderliches tut, den sollte ich dann ergreifen und töten? Wer getraut sich das? Es gibt aber einen, der das Töten überwacht und tötet. Wer nun statt dieses Einen, der das Töten überwacht, tötet, der gleicht dem Mann, der statt des Zimmermanns die Axt führt. Wer statt des Zimmermanns die Axt führt, der wird selten davonkommen, ohne sich die Hand zu verletzen."
Der Schaden der Gier
"Daß die Leute hungern, ist, weil ihre Oberen zu viele Steuern fressen; darum hungern sie. Daß die Leute schwer zu leiten sind, ist, weil ihre Oberen zu viel machen; darum sind sie schwer zu leiten. Daß die Leute den Tod zu leicht nehmen, ist, weil sie des Lebens Überfluß erzeugen wollen; darum nehmen sie den Tod zu leicht. Wer aber nicht um des Lebens willen handelt, der ist besser als der, dem das Leben teuer ist."
Warnung vor der Stärke
"Der Mensch ist weich und schwach, wenn er geboren wird, fest und stark, wenn er stirbt. Kräuter und Bäume sind weich und saftig, wenn sie entstehen, dürr und hart, wenn sie sterben. Denn das Feste und Starke gehört dem Tode, das Weiche und Schwache gehört dem Leben. Also auch: Sind die Waffen stark, so siegt man nicht. Ist ein Baum stark, so braucht er Stützen. Das Starke und Große steht unten. Das Weiche und Schwache steht oben."
Des Himmels Sinn
"Des Himmels SINN, wie gleicht er dem Bogenspannen! Das Hohe drückt er nieder, das Niedrige macht er hoch. Was Fülle hat, verringert er, was Mangel hat, das ergänzt er. Des Himmels SINN ist es, die Fülle zu verringern, den Mangel zu ergänzen. Des Menschen Sinn ist nicht also. Er verringert, was Mangel hat, um es darzubringen dem, das Fülle hat. Wer aber ist imstande, seine Fülle der Welt darzubringen? Nur der, so den SINN hat. Also auch der Berufene: Er wirkt und behält nicht. Ist das Werk vollbracht, so verharrt er nicht dabei. Er wünscht nicht, seine Bedeutung vor andern zu zeigen."
Was man dem Glauben überlassen muß
"Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres als das Wasser. Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt nichts ihm gleich. Es kann durch nichts verändert werden. Daß Schwaches das Starke besiegt und Weiches das Harte besiegt, weiß jedermann auf Erden, aber niemand vermag danach zu handeln. Also auch hat ein Berufener gesagt: »Wer den Schmutz des Reiches auf sich nimmt, der ist der Herr bei Erdopfern. Wer das Unglück des Reiches auf sich nimmt, der ist der König der Welt.« Wahre Worte sind wie umgekehrt."
Festhalten an der Verpflichtung
"Wenn bei der Versöhnung großen Grolls doch noch Groll übrigbleibt: Wie kann man das für gut halten? Also auch der Berufene: Er nimmt die schwere Verpflichtung auf sich und lädt sie nicht den andern auf. Der das LEBEN hat, hält sich an seine Verpflichtung. Wer nicht das LEBEN hat, hält sich an die Forderung. Des Himmels SINN kennt kein Ansehen der Person. Er spendet immer den Tüchtigen."
Selbständigkeit
"Mag das Land klein sein und wenig Leute haben. Laß es zehnerlei oder hunderterlei Geräte haben, ohne sie zu gebrauchen. Laß die Leute den Tod wichtignehmen und nicht in die Ferne schweifen. Ob auch Schiffe und Wagen vorhanden wären, sei niemand, der darin fahre. Ob auch Wehr und Waffen da wären, sei niemand, der sie entfalte. Laß die Leute wieder Knoten aus Stricken knüpfen und sie gebrauchen statt der Schrift. Mach' süß ihre Speise und schön ihre Kleidung, friedlich ihre Wohnung und fröhlich ihre Sitten. Nachbarländer mögen in Sehweite liegen, daß man den Ruf der Hähne und Hunde gegenseitig hören kann: Und doch sollten die Leute im höchsten Alter sterben, ohne hin und her gereist zu sein."
Entfaltung des Wesentlichen
"Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr. Tüchtigkeit überredet nicht, Überredung ist nicht tüchtig. Der Weise ist nicht gelehrt, der Gelehrte ist nicht weise. Der Berufene häuft keinen Besitz auf. Je mehr er für andere tut, desto mehr besitzt er. Je mehr er anderen gibt, desto mehr hat er. Des Himmels SINN ist segnen ohne zu schaden. Des Berufenen SINN ist wirken ohne zu streiten."