German (v2)

Die Bahn Und Der Rechte Weg Des Lao-Tse

Quotes in German

81 quotes available in this translation

Der Erste Spruch

"Die Bahn der Bahnen ist nicht die Alltagsbahn; Der Name der Namen ist nicht der Alltagsname. Unnambarkeit ist Wesen des Allüberall; Nambarkeit ist Werden des Einzelnen. Jedoch: klar siehet, wer von ferne sieht, und nebelhaft, wer Anteil nimmt. Diese Grundwesenheit, zwiefältig, ist Eins in der Erscheinung nur, zwiefacher Gegensatz. Sie ist das Unergründliche, das unergründliche Gründliche, das Tor zum letzten Geheimnis."

Der Zweite Spruch

"Menschliches Urteilen vom Schönen schied Häßlich von Schön; Menschliches Urteilen vom GutenschiedSchlechtvon Gut; Sein und Nicht-sein ist Wesen zerschieden; Möglich und Unmöglich ist Sinnen welt zerschieden; Groß und Klein ist Räumlichkeit zerschieden; Hoch und Niedrig ist Ordnung zerschieden; Ton und Klang ist Laut zerschieden; Vor und Nach ist Stätigkeit zerschieden. All-so: Der Vollendete lebt ohne Zweck, lenkt ohne Wort, handelt ohne Antrieb, schafft ohne Gegenstand, erdenkt ohne Ziel, wirkt ohne wirkend zu sein. Grundsätzlich: Das Ungewußte ist quellende Kraft."

Der Dritte Spruch

"Das Übermaß an Einwirkung ist Quelle der Kampflust; Die Überschätzung des Seltenen ist Quelle der Sündlust; Der Überstolz aus Aufwand ist Quelle der Neidlust. All-so: Der Vollendete waltet frei von Vor-Liebe, fern von Vor-Utrteil, selten Sinn-schwankend, stark von Art. Er führt das Volk Wissens- und Wunsch-los, kirrt die Kenntnis-Betörten, meidet das Tun. So schwinget, hindernislos, das Rad der Gemeinschaft."

Der Vierte Spruch

"Die Bahn ist Wesens-los, doch wirkt sie unerschöpflich; Unergründlich, schafftsie das Wesensgleichmaß der Dinge. Sie stumpft das Scharfe, klärt das Wirre, sänftigt das Blendende, ordnet den Stoff. Unverlöschliche Leuchte! Wer könnte Schöpfer sein, wer Vater Dieses Höchsten!"

Der Fünfte Spruch

"Das Allüberall kennt nicht das Lieben; Es schreitet über das Einzelne fort als über ein Mittel. Der Vollendete kennt nicht das Lieben; Er schreitet über die Einzelnen fort als über Mittel. Das All gleicht einem blasenden Balg, leer und unerschöpflich, bewegt, unaufhörlich schaffend. Der Mensch, unerschöpflich an Worten, büßt nichts vom Selbst ein."

Der Sechste Spruch

"Die lebende Kraft des Werdens ist unvergänglich, Sie ist die unfaßbare Mutter. Die unfaßbare Mutter ist Wurzel des All, Stätig webend bedarf sie nicht des Antriebs."

Der Siebente Spruch

"Unvergänglich ist das Allüberall; Unvergänglich ist es, denn es ist nicht als Einzelnes: Hier liegt die Bedingung zur Unvergänglichkeit. All-so: Der Vollendete, entschwindend, offenbart sich, sich verschwendend, erwirbt endloses Sein, selbstverloren, einzigt sich."

Der Achtee Spruch

"Das Rechte-Leben gleicht dem Wasser, als welches, zu allem passend, sich allem anpaßt; Je ferner es führt dem Alltäglichen, desto näher verläuft es der Bahn. All-so: Es ist im Daseinsgebiete Irdischkeit, im Seelengebiete Tiefe, im Gefühlsgebiete Liebe, im Denkgebiete Redlichkeit, im Zweckgebiete Entwicklung, im Tätigkeitsgebiete Kraft, im Tatgebiete Tunlichkeit. Grundsätzlich: Anpassung tilgt Leiden."

Der Neunte Spruch

"Man kann nicht halten und einfüllen zugleich; Man kann nicht schärfen und tasten zugleich; Man kann nicht haben und wahren zugleich. Eigensucht, zügellos, zeugt Sünde. In Nichtigkeit lebend wirken, vollenden: Das ist die Bahn."

Der Zehnte Spruch

"Herrschaft der Seele über den Sinn, das ist ihr stätes Zusammengehn, führt sie zu Einerleiheit; Selbsterziehung, das ist Streben nach Anpassung, führt zu Einfaltigkeit; Reinigung, das ist Urteilserweiterung, führt zu Vorzüglichkeit; Wechselseitigkeitsgefühl, als Grund der Gemeinschaft, führt sie zu Selbstordnung; Schicksalswechsel führt zu Empfänglichkeit; Echte Einsicht führt zu Wissens Unnützlichkeit. Fördrer der Entwicklung sein: schaffen und nichtbesitzen, wirken und nicht gewinnen, überwachsen und nicht überwältigen: Das ist die Bahn."

Der Elfte Spruch

"Dreißig Speichen treffen die Nabe, aber das Leere zwischen ihnen erwirkt das Wesen des Rades; Aus Ton entstehen Töpfe, aber das Leere in ihnen wirkt das Wesen des Topfes; Mauern mit Fenstern und Türen bilden das Haus, aber das Leere in ihnen erwirkt dasW esen des Hauses. Grundsätzlich: | Das Stoffliche birgt Nutzbarkeit; Das Unstoffliche wirkt Wesenheit."

Der Zwölfte Spruch

"Zu starker Gesichtseindruck stumpft das Gesicht; Zu starker Gehörseindruck stumpft das Gehör; Zu starker Geschmackseindruck stumpft den Geschmack; Zu starke Spiellust stumpft das Erkennen; Zu starke Begehrlichkeit stumpft das Vermögen. All-so: Der Vollendete gewinnt dem Ich das Nicht-Ich, verliert nicht das Ich ans Nicht-Ich, meidet dieses, müht jenes."

Der Dreizehnte Spruch

"Gnade erniedrigt wie Schande; Ehre beschwert wie der Leib. Was sinnet: Gnade erniedrigt wie Schande? Gnade wird möglich durch Selbstunterordnung, wird erreicht durch Selbsterniedrigung, wird, eingebüßt, Schande. Was sinnet: Ehre beschwert wie der Leib? Der Leib ist Träger aller Beschwerung, notwendiger Angriffspunkt der Schwere. All-so: Wer Abstand hält, wie vom Leibe, so von der Gemeinschaft, leitet sie richtig; Wer Neigung löscht, wie zum Leibe, so zu der Gemeinschaft, leitet sie gut."

Der Vierzehnte Spruch

"Der Sinn sucht doch sieht nicht: das Nichtzerscheidbare; Der Sinn horcht doch hört nicht: das Nichtempfindbare; Der Sinn tastet doch trifft nicht: das Nichtgegenständliche. Dies Drei von Un-Sinn ist, weil Un-Sinn, unzerscheidbar; Das Sinnen faßt es also als Eins: Allumfassend, Ewig unbestimmbar, Übergreifend ins Einzellose, Formlose Form, Erscheinungslose Erscheinung, Unauseinandersetzbar, Unzusammenfaßbar, Anfanglos, Endlos. All-so: die Bahn nachzeichnen, einmal erkannt, heißt, sie planen einmal für alle; Denn die Erkenntnis ihres Verlaufes ist möglich: Entwicklung aus sich."

Der Fünfzehnte Spruch

"Die Alten, Meister, konnten erschließen, erkennen, erfühlen; Diese seelische Kraft blieb unbewußt; Die Unbewußtheitder W esenskraft gab ihrerErscheinung Größe. Umsichtig wie wer im Winter über den Strom setzt, Wachsam wie wer um sich Feinde fürchtet, Kalt wie der Fremdling, Weichend wie schmelzendes Eis, Rauh wie unbehauenes Holz, Weit wie das Talbecken, Undurchschaubar wie trübe Wasser. Wer von den Jetzigen dürfte, durch seiner Klarheit Größe, die innere Finsternis klären? Wer von den Jetzigen dürfte, durch seines Lebens Größe, den inneren Tod beleben? In ihnen war die Bahn; sie wurden Einzeln und Selbstherr; Und Vollkommenheit sahen sie in ihrem Mangel."

Der Sechzehnte Spruch

"Jenseits vom Einzelnen thronet das Unabänderlich-Stäte; Im Leben des Einzelnen wechseln Ebbe und Flut; Kreislauf! Der Kreislauf ist das Unabänderlich-Stäte: Das Stäte ist des Werdens ewiges Gleichmaß: Des Werdens Gleichmaß ist des Lebens Wesen. Kenntnis vom Wesen des Lebens ist ruhige Klarsicht; Unkenntnis vom Wesen des Lebens ist wirre Trübsicht. Kenntnis vom Wesen des Lebens zeugt Einzel-Sein: Einzel-Sein zeugt Höher-Sein: Höher-Sein zeugt Meister-Sein: Meister-Sein zeugt Erhaben-Sein: Erhaben-Sein lenkt in die Bahn: Die Bahn ist das Allüberall, Das Unabänderlich-Stäte."

Der Siebzehnte Spruch

"Die ersten Gemeinschaftsordner wurden geahnt; Folgende wurden geliebt und gelobt; Folgende wurden gefürchtet; Folgende wurden verachtet: Wechselseitigkeitsgefühl allein zeugt Gemeinschaft. Jene, großmächtig wie ihre schwerwichtigen Worte, erfüllten ihr Werk: Erglaubter Selbstordnung genoß die Gemeinschaft."

Der Achtzehnte Spruch

"Die Bahn ward verloren — Urteilsbedürfnis entstand; Urteilsherrschaft ward geboren— Wirkensursprünglichkeit schwand. Der Blutbande Ur-Eins zerriß — Verwandtschaftspflicht ward entfaltet; Der Gemeinschaft Ur-Einheit zerspliß — Völkertum ward erspaltet."

Der Neunzehnte Spruch

"Nichtachtung des Wissenssinns, Verachtung des Müssens: und Wohlgefühl wächst hundertfach in der Gemeinschaft; Nichtachtung des Pflichtsinns, Verachtung des Sollens: und Wechselseitigkeitsgefühl wird wieder in der Gemeinschaft; Nichtachtung des Zwecksinns, Verachtung des Wollens: und Sündlustgefühl erstirbt in der Gemeinschaft. Solch dreifacher Grundsatz ist nicht erfüllbar durch Anstrich; Es bedarf des Gepräges: Ursprünglich scheinen — Einzeln sein. Unselbstzwecklich scheinen — Selbstlos sein."

Der Zwanzigste Spruch

"Verstand ist Vernichtung des Lebens. Gegensatz im Entschluß — wie nichtig; Gegensatz im Tun — wie mächtig! Handeln wie allewelt!... Verstandesgeborene Pflicht! Nein! Sündlicher Irrsinn! Allewelt wird leicht fortgeschwemmt von oberflächlicher Freude: ein Feiertag, eine Frühlingsnacht.... Ich hingegen, tief ankernd am Grund des Gefühlsstroms, bin heiter und still in der Freude gleich wie das Kind. Ich lebe und webe... fort und fort... Allewelt wünscht das Allzu; Ich hingegen ersehne das Nichts, Ich bin linkisch im Leben, entrate des Zwecksinns!... Allewelt weiß; Ich hingegen hab wirre Gedanken!... Allewelt hat Gemeinschaftstrieb; Ich hingegen liebe Einsame Höhe; Ich walle wie die Woge, ruhelos wankend... Allewelt hat Erfahrung; Ich hingegen bin einfältig, ein Tor!... Ich bin anders als allewelt: Doch ich bin Ich!"

Der Einundzwanzigste Spruch

"Das Rechte ist die Erscheinungsform der Bahn. Das Können der Bahn ist unauseinandersetzbar und unzusammenfaßbar. Unauseinandersetzbar, Unzusammenfaßbar, enthältsie das Denkliche; Unauseinandersetzbar, Unzusammenfaßbar, enthält siedas Dingliche; | Unauseinandersetzbar, Unzusammenfaßbar, enthält siedas Wesentliche, Als welches ist das Letzte, Als welches ist das Menschliche, Nie vergeht Sie: Sie ist der Urgrund des Seins. Wie wird mir solches Wissen? Ich bin."

Der Zweiundzwanzigste Spruch

"Stückwerk — ganz, Krummes — gerade, Leeres — voll, Gesammelt — gerät es, Zersplittert — mißrät es. All-so: Der Vollendete ist Einzeln und wird Vorbild der Gemeinschaft; unvorsichtig mit sich, steht er in Sicht; unzufrieden mit sich, wird er ausgezeichnet; verschlossen in sich, wird er Mittelpunkt; ungefällig gegen sich, wird er groß; wunschlos für sich, wird er unantastbar. Der alte Spruch Stückwerk — ganz wäre er leer? Ursprüngliches Willens Kraft weist seine Wahrheit."

Der Dreiundzwanzigste Spruch

"Gedanken, die sich ändern, sind wahr. Die Windsbraut wütet nicht den ganzen Tag: Das Wetter tobt nicht den ganzen Tag. Wer zeugt sie? Das Weltenall. Das Weltenall selbst ist in Umbildung: Um wie viel mehr der Mensch! All-so: Nachahmung des Wirkens der Bahn, um Anpassung an sie zu lernen; Vorzeichnung des Rechten-Wegs, um Anpassung an ihn zu lernen; Hingabe an Zerfall, um Anpassung an ihn zu lernen. Anpassung an die Bahn, um kraft der Bahn aufzugehn in die Bahn; Anpassung an den Rechten-Weg, um kraft des Rechten-Wegs einzugehen in den Rechten-Weg; Anpassung an den Zerfall, um kraft des Zerfalls zu vergehn im Zerfall. Gleichgründiges nur tauscht Wechselwirkung."

Der Vierundzwanzigste Spruch

"Zehenstand ist kein Stehn: Beinspreizen ist kein Gehn. Wer sich ins Licht stellt, steht im Schatten; Wer sich am Ziele glaubt, geht zurück; Wer sich hervortut, ist untertan; Wer sich hochhält, geht nieder. Dies ist, im Sinne der Bahn, seelische Unzucht; im Sinne des Zwecks, unnütz Wer in der Bahn wandelt, ist Diesem fern."

Der Fünfundzwanzigste Spruch

"Es ist eine ordnende Urkraft Alles Werdens Ursache, Unabänderlich-stät, erscheinungslos, Selbst sich Urgrund, ewig sich gleich, Allgültiges Werdegangs Urtrieb, Urform des Lebens. Unbestimmbar, bestimmet der Mensch Sie als Bahn. Die Kraft ist Größe; Die Größe ist Unmeßbares; Das Unmeßbare ist Unendlich-Fernes; Das Unendlich-Ferne ist Wiederkunft. Gleich-so: Die Bahn ist letzte Größe; Der Himmel ist letzte Größe; Die Erde ist letzte Größe; Der Ordner ist letzte Größe; So sind vier letzte Größen; eine davon ist der Ordner. Der Mensch hat zum Grunde die Erde; Die Erde hat zum Grunde den Himmel; Der Himmel hat zum Grunde die Bahn; Die Bahn ist sich selbst Urgrund."

Der Sechsundzwanzigste Spruch

"Ernst ist tiefer als Lust; Ruhe ist höher als Regung. All-so: Der Höhere Mensch, stäts tätig, wahrt stäts die Ruhe der Würde; in weltlicher Höhe, steht nur in sich; jenseits vom Außen. Doch verflucht sei der Weltlich-Große, der oberflächlich dahinlebt, Der durch das Vorbild der Lust, lockert das Band der Gemeinschaft! Denn der Lust leicht fertiger Wahn, verblendend in Ordnung Gewöhnte, zerstört die Ordnung."

Der Siebenundzwanzigste Spruch

"Guter Gänger stolpert nicht; Guter Sprecher stottert nicht; Guter Rechner zählt nicht; Guter Schließer schlüsselt nicht; Guter Knüpfer knüppert nicht; All-so: Der Vollendete weiß stäts Rat; braucht nie zu verweigern; findet stäts Mittel; braucht nie Ohnmacht zu bekennen. Dies ist seine zwiefache Größe. Es folgt: Der Höhere Mensch ist Herr des niedrigeren; Der niedrige Mensch ist Werkzeug des Höheren. Ehrfurcht zum Herrn, Liebe zum Werkzeug: Das ist trotz allen Stärken das Rückgrat gemeiner Ordnung: Dies ist offenbar und wesentlich."

Der Achtnundzwanzigste Spruch

"Stark sich fühlen, schwach sich zeigen: das ist der Grund des Gemein-Lebens; Wer ihn besitzt, entgleist nie vom Rechten-Wege; Er kehret zurück zum Triebeszustand der Kindlichkeit. Klar sich fühlen, dunkel sich zeigen: das ist das Wesen des Gemein-Lebens; Wer es besitzt, irrt nie vom Rechten-Wege; Er kehret zurück zum Wissenszustand der Allheit. Groß sich fühlen, klein sich zeigen: das ist das Werden des Gemein-Lebens; Wer es besitzt, schreitet stäts fort im Rechten-Wege; Er kehret zurück zum Fühlenszustand der Einfaltigkeit. Einfaltigkeit ist Schleier der Vollendetheit; Der Vollendete, so handelnd, wird Haupt, Ordner, Mild und Stark."

Der Neunundzwanzigste Spruch

"Die Gemeinschaft lenken ist, Erfahrungs gemäß, unmöglich; Die Gemeinschaft ist Zusammenwirken von Kräften, als solche, Denkens gemäß, unlenkbar durch Einzelnes Kraft. Sie ordnen ist sie aus der Ordnung bringen; Sie festigen ist sie stören. Denn das Tun des Einzelnen wechselt: Hier vorwärtsgehn, dort rückwärtsweichen; Hier Wärme zeigen, dort Kälte; Hier Kraft aufwenden, dort Schwäche weisen, Hier Regung wirken, dort Ruhe. All-so: Der Vollendete meidet Machtlust; meidet Machtreiz; meidet Machtglanz."

Der Dreissigste Spruch

"Der Bahn gemäß walten ist Walten ohne Gewalt: Ausgleichende Rückwirkung richtet in der Gemeinschaft. Wo Krieg war, wächst Dorn, und erntelos ist das Jahr. Der Gute Ist und braucht nicht Gewalt; Ist und rüstet sich nicht mit Glanz; Ist und brüstet sich nicht mit Ruhm; Ist und stützt sich nicht auf Tat; Ist und gründet sich nicht auf Strenge; Ist und strebt nicht nach Macht. Höhepunkt deutet Niedergang. Außer der Bahn ist alles aus der Bahn."

Der Einunddreissigste Spruch

"Gewalt ist nicht Werkzeug des Guten, sondern des Schlechten; Kraft ist nicht Gewalt; Der Weise ersehnet Größe. Gewalt ist nicht Werkzeug des Guten; nicht Werkzeug des Weisen; nicht bessernd: selbst friedstiftend zwingt sie; nicht schön: Schönheit ist Freude; nicht freudbringend, wenn nicht dem Zerstörungssinn. Zerstörungssinn ist nicht im Menschlichen Zeichen von Kraft. Glück wohnt links, Unheil wohnt rechts; Die Truppe steht links, Der Führer steht rechts. Kriegsbotschaft — Klagbotschaft; Menschentod — Zährenquell. Sieg durch Gewalt ist Leiden."

Der Zweiunddreissigste Spruch

"Die ewige Bahn ist Jenseits vom Einzeln; Einfach wie der letzte Stoffteil, umfaßt sie das All, Sie ist der Ordner an sich. Das Jenseits mischt sich dem Irdischen; so fließt der Befruchtung Ma, den der Mensch nicht fasset: Der Einzelne kommt aus Zerscheidung, geht zu Ende; Endlichkeit zeugt Bewußtsein der Schranken; Schrankenbewußtsein wahrt vor Enteinzelung. Die Bahn ist das Bett des langsamen Stromes der Welt, gleich wie das Tal in sich trägt Flüsse und Seen."

Der Dreiunddreissigste Spruch

"Andre durchschauen ist Umsicht; Sich selbst durchschauen ist Einsicht. Andre lenken ist Können; Selbst sich lenken ist Macht. Beginnen können ist Stärke; Vollenden können ist Kraft. Nicht-Zerfall ist Ewigkeit; Nicht-Nichtigkeit nach dem Tod ist Unsterblichkeit."

Der Vierunddreissigste Spruch

"O Bahn! Unendlich! Allgegenwärtig! Das All ist durch Dich, wird aus Dir, ruht in Dir! Allmächtige Alltätigkeit! Urmutter des All, doch nicht Herrin, Ewig wesenslos, wie scheinest Du klein!... In Dir schließt sich der ewige Kreislauf der Dinge. O Nicht-Herrin, wie scheinest Du groß!... All-so: | Der Vollendete ist nie Schöpfer der Größe; ist Zweck der Größe."

Der Fünfunddreissigste Spruch

"Wer ihr großes Gleichnis fasset, irrt und irrt durch die Welt... Pflichtlos... Freiheit, Stille, Hoheit, Freude, Selbstherrlichkeit sind seine Speise... Wandernder Fremdling der schauet. Die Bahn künden? Vermessener Unsinn! Die Vielen blickten nach Ihr, und sähen Sie nicht; Die Vielen horchten nach Ihr, und hörten Sie nicht; Und sie lebten zugleich ohn Unterlaß von Ihrem Leben..."

Der Sechsunddreissigste Spruch

"Klein bedingt Groß; Schwach bedingt Stark; Niedergang bedingt Aufgang; Leere bedingt Völle. Hier liegt der Grundsatz des Denkens vom Jenseits: Hart ist ein Grad von Weich; Stark ist ein Grad von Schwach. Doch wie der Fisch nicht lebt außer dem finsteren Abgrund, All-so erstrebe niemals der Mensch das Wissen vom Wesen des Menschen!"

Der Siebenunddreissigste Spruch

"Die Bahn, unabänderlich tatlos, begreift alle Tat: Vorbild des Ordners. Alles mag wirren in Regung: Ich bin unerschütterlich in Meiner Einfalt Jenseits. Denn Einzellose Einfaltigkeit, Allumfassend, ist Unregbarkeit. Unregbar, Unerschütterlich — all-so wird die Gemeinschaft frei."

Der Achtunddreissigste Spruch

"Echt im Rechten-Wege sein ist Nicht-Wollen sein im Rechten-Weg: so ist man in Seinem Rechten-Weg. Fast im Rechten-Weg sein ist Nicht-Wollen irren vom Rechten-Weg: so irrt man von Seinem Rechten-Weg. Echter Rechter-Weg ist Nicht-Gewollte Tat und Nicht-Wille zur Tat; Fast Rechter-Weg ist Gewollte Tat und Wille zur Tat; Sittlichkeit ist Gewollte Tat und Nicht-Wille zur Tat; Recht ist Gewollte Tat und Vollendung der Tat; Sitte ist Gewollte Tat und Zwangswechselvollendung der Tat: All-so: Die Bahn verloren, es bleibt der Rechte-Weg; Der Rechte-Weg verloren, es bleibt die Sittlichkeit; Die Sittlichkeit verloren, es bleibt das Recht; Das Recht verloren, es bleibt die Sitte; Die Sitte ist nur Schein des Sittlichen und Zeichen vom Zerfall; Die Bildung jedoch, obwohl auch Bild der Bahn, ist Mittel zum Zerfall. All-so: Der Vollendete hält sich ans An-sich, läßt vom Schein; hält sich an die Quelle, läßt vom Strahl; meidet dieses, müht jenes."

Der Neununddreissigste Spruch

"Sein ist Teilhaben an dem All-Einen. Das All, als solches, hat Ordnung; Die Erde, als solche, hat Feste; Die Seele, als solche, hat Bewußtsein; Das Hohle, als solches, hat Inhalt; Das Wesen, als solches, hat Leben; Der Ordner, als solcher, wahrt Selbstordnung der Gemeinschaft: Alles ist wie es ist durch das All-Eine. Ohne Ordnung zerstöbe das All; Ohne Feste zerfiele die Erde; Ohne Bewußtsein zerschwände die Seele; Ohne Inhalt zerspränge das Hohle; Ohne Leben zerginge das Wesen; Ohne Selbstordnungs-Wahrung wäre Störer der Ordner: Denn der Erhabene stammt aus der Masse der Niedrigen; Hoch steht auf Tief. All-so: Der Ordner hält sich als Null, Nichtsbedeutend, Nichtswollend, Geboren aus dem Zu-Ordnenden. Die Summe der Teile ist nicht das Ganze: Zernichte Ursprünglichen Willens Kraft, und nicht wird erstehen Edelsteins klare geregelte Form, doch unförmlicher Kiesel."

Der Viertzigste Spruch

"Der ewige Kreislauf ist die Bahn der Bahn; Das Lassen ist das Tun der Bahn. Die Einzelnen Wesen wallen zum Leben, im Leben wallen zum Nichts."

Der Einundviertzigste Spruch

"Der vollendet Weise versteht die Bahn und vertieft sie; Der halb Weise versteht die Bahn und wahrt sie; Der niedrig Weise versteht die Bahn und nutzt sie, unfähig, sie zu verfolgen. All-so ward gesagt: Wer durchdringet die Bahn, ist Enteinzelt; Wer fortgeht in der Bahn, ist in Enteinzelung; Wer erkennet die Bahn, ist Mensch. Der Rechte-Weg der Größe ist All-Lassen; Vollendete Reinheit ist Einfalt; Der Rechte-Weg der Weite ist Nicht-Wille zur Tat; Der Rechte-Weg der Kraft ist Ursprünglichkeit. Erkenntnis hievon ist vielfach sich vergrößern. Unendlich großes Viereck ist ohne Ecken; Unendlich großes Gefäß faßt nichts; Unendlich großer Schall ist lautlos; Unendlich großes Bild ist ohne Form. Die Bahn ist jenseits vom Sinn und jenseits vom Einzeln; begreifet das All-Geschehn."

Der Zweiundviertzigste Spruch

"Die Bahn sonderte das Eins; Das Eins sonderte das Zwei; Das Zwei sonderte das Drei; Das Drei sonderte das Viel. Das Viel schwebt im Lassen, umschwebt das Tun: Das Einzellose schafft das Gleichgewicht. Der Einzelne tunwollenden nichtlassenwollenden Triebes ist also unstatthaft im Gemein-Leben; Der Ordner ist Fördrer jenes Gleichgewichts und daher groß. Gewinn wird Verlust; Verlust wird Gewinn: Das ist die Lehre des Volks. Ich lehre: Der Wollende erreichet nicht Seinen Tod. Dies ist Mein Grundsatz."

Der Dreiundviertzigste Spruch

"Die biegsamsten Glieder in der Gemeinschaft lenken die unbeugsamsten. Das Einzellose durchdringt den stätigen Stoff. Hierin erschaue ich die Überlegenheit des Nicht-Wollens. Lehren ohne reden, vollenden ohne tun, ist Seltenheit in der Gemeinschaft."

Der Vierundviertzigste Spruch

"Was ist mir näher, der Name oder das Ich? Was ist mir näher, das Ich oder die Habe? Was ist mir härter, Erwerb oder Verlust? Übermaß zeugt Schmerz; Reichtum zeugt Unheil. Die Schranken beachten, Unmögliches meiden; Das ist die Bedingung zu Unvergänglichkeit."

Der Fünfundviertzigste Spruch

"Menschliche Vollendung bleibt Mangel; sie ist unerreichbar; Menschliche Gänze bleibt Nichts; sie ist unerfüllbar; Menschliches Recht bleibt Schiefe; Menschliches Wissen bleibt Torheit; Menschliche Kunst bleibt Stammeln. Bewegung zwingt Kälte; Ruhe zwingt Wärme: Und doch bleibt das Stät-Vollendete Urvorbild des Menschen..."

Der Sechsundviertzigste Spruch

"Lebt die Gemeinschaft in der Bahn, die Kriegsrosse ziehen den Pflug; Irrt die Gemeinschaft von der Bahn, die Kriegsrosse wachen der Grenze. Nicht ist größere Sünde als Ungestüm; Nicht ist größeres Übel als Unmaß; Nicht ist größerer Mangel als Ehrsucht: Zufrieden ist, wer sich zufrieden gibt."

Der Siebenundviertzigste Spruch

"Ohne hinauszugehn, kann man die Menschen kennen; Ohne hinauszusehn, kann man durchschauen: Wer viel sieht, wenig weiß. All-so: Der Vollendete erreicht ohne Schritt; weiß ohne Beobachtung; vollendet ohne Wollen."

Der Achtundviertzigste Spruch

"Lernen führt weiter und weiter: Der Bahn folgen führet zurück, weiter und weiter zurück, bis zum Nicht-Wollen. Nicht-Wollen, nicht Nicht-Handeln, ist das Wesen der Gemeinschaft; Stäte Abwesenheit Einzel-Willens: Einzel-Wille ordnet nicht die Gemeinschaft."

Der Neunundviertzigste Spruch

"Der Vollendete hat kein Einzelgewissen; hat ein Gemeinschaftsgewissen: Gut zu Guten; Gut auch zu Nicht-Guten: Das ist der Rechte-Weg der Güte. Ehrlich zu Ehrlichen; Ehrlich auch zu Nicht-Ehrlichen: Das ist der Rechte-Weg der Ehrlichkeit. Der Vollendete, in der Gemeinschaft, sorgt, daß die Gemeinschaft sein Gewissen nicht störe. Der Gemeinschaft Glieder hören und sehen auf ihn, gleich als Kinder des Vollendeten."

Der Fünfzigste Spruch

"Ins Leben treten heißt zum Tode wallen. Drei auf zehn streben zum Leben; Drei auf zehn streben zum Tode; Drei auf zehn streben zum Leben, doch eilen zum Tode. Warum? Aus Liebe zum Leben. Der Eine andrerseits, der kennet das Wesen des Lebens lebt und fürchtet nicht Tiger noch Einhorn; kämpft und braucht nicht Rüstung: das Einhorn fände nicht Angriffspunkt für sein Horn; der Tiger fände nicht Angriffspunkt für seine Tatze; der Feind fände nicht Anpriffspunkt für sein Schwert. Warum? Er steht über dem Leben."

Der Einundfünfzigste Spruch

"Die Bahn — Ursache, Der Rechte-Weg — Erbhalter, Die Zerscheidung — Bildner, Die Kraft — Täter. All-so: Die Wesen verehren die Bahn; ehren den Rechten-Weg. Verehrung der Bahn, Ehrung des Rechten-Wegs sind nicht bewußte Pflicht, . sind unbewußter Trieb. Die Bahn zeugt alles, fördert alles, entwickelt alles, nährt alles, vollkommnet alles, reift alles, wahrt alles, hält alles im Kreislauf, lenkt und besitzt nicht, wirkt und ist nicht wirkend, hat und ist nicht Herr. Das ist ihr geheimnisvolles Wesen."

Der Zweiundfünfzigste Spruch

"Das Allgütig-Menschliche erscheinet als Mutter des Menschen. Anerkennen die Mutter heißt wissen ihr Kind zu sein, Wissen Kind zu sein heißt fortleben die Mutter, Und dieses heißt wahren vor Zerfall. Zusammenschließen des Lebens Kraft, Abschluß von Zersplitterung: So wird des Lebens Bronnen nicht erschöpft. Zersplittern des Lebens Kraft, Hingabe an Tatendrang: So wird des Lebens Bronnen bald leer. Seinen Grund aufdecken ist Klarsicht; Seine Schwäche zwingen ist Stärke. Leben in dieser Größe, Eingehen in diese Klarsicht: All-so ist die Vernichtung des Leibs kein Verlust: Dies ist Unsterblichkeit."

Der Dreiundfünfzigste Spruch

"Den Menschen züchten heißt ihn in die Bahn lenken, Wollen ist Übel. Die Bahn ist weit, doch Menschen lieben Pfade: Glänzende Schlösser — wüste Felder, leere Scheunen, Bei den Großen Kleiderpracht, Waffenaufwand, Tafelfreuden, Schatzesfülle: Das ist Diebstahl, übermütige Prahlsucht, Außer der Bahn."

Der Vierundfünfzigste Spruch

"Stark gegründetes Geschlecht verfällt nicht, Stark geleitetes Geschlecht zerfällt nicht: Ewig ehren Enkel die Ahnen. Gleich-so: Im Ichgebiete ist Rechter-Weg die Geradheit, Im Geschlechtsgebiete ist Rechter-Weg das Wohl, Im Gemeindegebiete ist Rechter-Weg die Dauer, Im Volksgebiete ist Rechter-Weg die Wucht, Im Gemeinschaftsgebiete ist Rechter-Weg die Ordnung. All-so: Ich mißt sich an Ich; Geschlecht mißt sich an Geschlecht; Gemeinde mißt sich an Gemeinde; Volk mißt sich an Volk; Gemeinschaft mißt sich an Gemeinschaft. Was ist die Grundlage dieser Denkform? Eben diese Denkform."

Der Fünfundfünfzigste Spruch

"Wer im Rechten-Wege ist, gleicht dem Kind. Dieses fürchtet nicht giftigen Geziefers Stich, fürchtet nicht wilden Tieres Kralle, fürchtet nicht Raubvogels Fänge, hat weiche Knochen, zarte Sehnen, doch greift fest zu, hat kein Bewußtsein von Geschlechtlichkeit, doch sein Glied erregt sich: Vollendete Ordnung! kann schreien den ganzen Tag, doch wird nicht heiser: Vollendetes Selbstwirken! Das Selbstwirken des Lebens kennen heißt Unvergänglichsein, Das Wesen der Unvergänglichkeit kennen heißt Klarsein, Das eigene Leben beobachten heißt zerfallen, Das eigene Leben wollen heißt kämpfen, und kämpfen heißt auch zerfallen, All-solches ist außer der Bahn. Außer der Bahn ist alles Zerfall."

Der Sechsundfünfzigste Spruch

"Wer weiß, spricht nicht, Wer spricht, weiß nicht. Das Leben zusammenschließen, Die Zersplitterung ausschließen, Die Schärfe stumpfen, Das Wirre klären, Das Blendende dämpfen, Den Gewöhnlichen spielen: Das ist Tiefe im Gemeinschaftsleben. Über dem Ruhm, Über der Schande, Über der Ehre, Über der Verachtung: Das ist Tugend im Gemeinschaftsleben."

Der Siebensundfünfzigste Spruch

"Redlichkeit zeugt friedliches Walten; Geschicklichkeit zeugt bloß Kampf. Das Nicht-Wollen zeugt Gemeinschaftsordnung. Wie ward mir solcher Grundsatz von der Gemeinschaft? All-so: Verbot zeugt Zwang, Befehl zeugt Störung, Geschick zeugt Niedertracht, Gesetz zeugt Verbrechen. Gleich-so der Vollendete spricht: Ich beobachte Nicht-Wollen, und das Volk entwickelt sich nach seiner Anlage; Ich beobachte Nicht-Handeln, und das Volk lenkt sich selbst kraft Schicksals Zwanges; Ich beobachte Nicht-Mitfühlen, und das Volk blüht, weil sich selbst überlassen; Ich beobachte Nicht-Sein, | und das Volk ist wie es sein muß, durch sich selbst."

Der Achtundfünfzigste Spruch

"Tatlose Verwaltung — frohes Volk, Eifrige Verwaltung — trauriges Volk. Unglück — Glück umschließt es, Glück — Unglück verschließt es. Wer weiß — welches siegt? Gerade gehen?... Gerade verkehrt sich in krumm, Gut verkehrt sich in schlecht. Ewige menschliche Blindheit!... All-so: Der Vollendete ist ein eckloses Viereck, ein spitzloser Winkel, gerad doch weich, klar doch glanzlos."

Der Neunundfünfzigste Spruch

"Zur Förderung des Menschen, Zur Entwicklung des Geistigen ist das Lassen das höchste Mittel, Lassen ist Einlenken in den Rechten-Weg, Einlenken in den Rechten-Weg wird Fortschritt im Rechten-Weg, Fortschritt im Rechten-Weg wird All-Anpassung, All-Anpassung wird Einzellosigkeit, Einzellosigkeit ist Vorbedingung zum Gemeinschaft-Verwalten. Solchen Verwaltungsgrundsatzes Anwendung bringt Ständigkeit, bedeutet tiefe Wurzel, starken Stamm, Pfad zu unsterblicher Macht."

Der Sechzigste Spruch

"Gemeinschaft-Verwalten ist gleich wielangsam schmoren lassen. Ist die Gemeinschaft in der Bahn, so weist keine Seele Einzelwillen. Wohl ist Einzelwille: er richtet sich nicht gegen Andere. Wohl könnte der Einzelwille sich gegen die Anderen richten: der Vollendete richtet ihn nicht gegen Andere. „Vollendet« und „Anderer“ treffen sich nie: Ihre Rechten-Wege sınd gleicher Richtung."

Der Einundsechzigste Spruch

"Der große Staat ist wie die Tiefe, zu der die Flüsse fließen, Herd des Menschlichen, weibliches Widerbild der Gemeinschaft. Das Weibliche bändigt stäts das Männliche durch Empfänglichkeit; Empfänglichkeit ist Herablassung. All-so: Der große Staat wirkt Einfluß im kleinen Staat durch Herablassung zum kleinen Staat, Der kleine Staat wirkt Einfluß im großen Staat durch Herablassung zum großen Staat: Herablassung ist jedesmal Überlegenheit. Des großen Staates Zweck ist Zusammenschluß und Unterhalt der Menschen, Des kleinen Staates Zweck ist Unterstützung und Wohl der Menschen: So verwirklichen beide ihren Zweck. Größe ist nichts als Herablassung."

Der Zweiundsechzigste Spruch

"Die Bahn ist Gefäß Alles, Schatz der Tüchtigen, Hort der Verirrten. Schöne Worte über sie bringen wohl Ehre, Schöne Taten nach ihr bringen wohl Ruhm: Doch über alles: Sie läßt nicht die Verirrten. Kaisers Macht, Königs Pracht reicht nicht an Eine Rücklenkung in die Bahn. Die Alten sahen ihr Höchstes in der Bahn. Warum? Weil sie gefunden werden kann durch Arbeit; Weil, durch sie selbst, Verirrte zurückgelenkt werden in sie. All-so ist sie der Menschen Höchstes."

Der Dreiundsechzigste Spruch

"Wollen ohne Wollen wollen; Tun ohne Tun wollen; Fühlen ohne Fühlen wollen. Großes als Kleines sehen; Vieles als Weniges sehen; Schlechtes als Gutes sehen. Schwierig ist eine Weiterentwicklung von Leicht; Groß ist eine Weiterentwicklung von Klein. Die schwierigen Gemeinschaftsfragen gehen hervor aus leichten; Die großen Gemeinschaftsfragen gehen hervor aus kleinen. All-so: Der Vollendete sorgt nicht um Schon-Großes, vollführt dessenthalb Großes. Wer viel verspricht, wenig hält; Wer leicht glaubt, wenig findet. All-so: Der Vollendete glaubt alles schwierig; findet alles leicht."

Der Vierundsechzigste Spruch

"Ruhiges ist leicht halten; Noch-Nicht-Erschienenes ist leicht dämpfen; Noch-Schwaches ist leicht vernichten. Vor Vollendeter-Tatsache hindern; Vorm Kampfe Frieden stiften. Riesiger Baum hat Ein feines Haar zur Wurzel; Neunstöckiger Turm hat Eine Erdscholle zum Grunde; Tausend Meilen beginnen unter deinem Fuß. Scheitern wird möglich durch Wollen; | Verlieren wird möglich durch Gewinnen. All-so: Der Vollendete will nicht, also scheitert nicht; gewinnt nicht, also verliert nicht; Die Vielen scheitern am Zeitpunkt des Gelingens. Das Ende bedenken wie den Anfang: Das wäre der Weg des Gelingens. All-so: Der Vollendete wünscht Wunschlosigkeit; lernt Verlernen; kränkt gesunden Menschenverstand; ist Ordner; beobachtet Nicht-Wollen; störtnicht die Entwicklung-aus-sich."

Der Fünfundsechzigste Spruch

"Die Alten kannten die Bahn; bildeten nicht die Vielen; hielten die Vielen in Unwissenheit: Gebildeter Pöbel ist schwer lenken. Den Staat durch Klugheit lenken ist Unheil; Den Staat durch Dummscheinen lenken ist Heil. Solchen Grundsatz anwenden heißt vorbildlich sein; Solches Ziel verwirklichen heißt im Rechten-Wege sein: Rechter-Weg.. Tief! .. Geheimnisvoll! .. Fern! .. In Dir wallt alles Lebendige! Durch Dich ist Welten-Gleichgewicht!"

Der Sechsundsechzigste Spruch

"Ströme und Seen sind Herrscher der Täler, denn sie liegen ihnen zugrunde; Hier liegt die Bedingung zum Herrscher-Sein. All-so: Der Vollendete erhebet sich über die Vielen durch Worte der Demut; stellet sich an die Spitze der Vielen durch Vertuschung des Ich; ist also über den Vielen, ohne sie zu zwingen; ist also an der Spitze der Vielen, ohne sie zu demütigen. Die Gemeinschaft ist all-so im Wohle und fühlt sich in Freiheit; Der Ordner beobachtet Nicht-Tun; Die Gemeinschaft kann ihm nichts tun."

Der Siebenundsechzigste Spruch

"Man nennt mich groß, Und sagt, ich sei nicht wie die Anderen... Groß... unzweifelhaft hört man zugleich „nicht wie die Anderen“, nicht wie die, welche ewig „sind wie die Anderen«, und all-so in Wirklichkeit recht klein... Nämlich Ich habe drei Werte, die ich wahre und ehre. Der erste ist Wechselseitigkeitsgefühl; Der zweite ist Würde des Abstands; Der dritte ist Bescheidenheit in Dingen der Gemeinschaft. Die Wechselseitigkeit gibt mir Mut; Die Würde gibt mir Hoheit; Die Bescheidenheit macht mich zum Ordner. Heutzutage jedoch keine Wechselseitigkeit, doch Frechheit; keine Würde, doch leeren Lobs Lärm; keine Bescheidenheit, doch Gier nach äußerer Ehre: Das ist der Weg zum Zerfall. Wechselseitigkeitsgefühl zeugt im Kriege Sieg, im Frieden Stärke. Das All erhält; Das Wechselseitigkeitsgefühl fördert."

Der Achtundsechzigste Spruch

"Guter Kenner streitet nicht; Guter Kämpfer zürnt nicht; Guter Zwinger schlägt nicht; Guter Verwalter waltet nicht. Das ist der Rechte-Weg des Friedens; das Mittel zur Verwaltung; das Widerbild des All, der Ur-Vollendetheit."

Der Neunundsechzigste Spruch

"Grundsatz für Kämpfer: Gastgeber sein, nicht Besucher; Fußweise weichen, lieber als zollweise vorrücken. All-so: Fortschreiten ohne Vorschreiten; Erwerben ohne Erobern; Haben ohne Nehmen. Kein größeres Übel ist, als leichtfertig beschließen: das ist Verlieren. Gleich-so: Von zwei Streitern siegt der Denkende."

Der Siebzigste Spruch

"Meine Lehre ist leicht verstehen, leicht befolgen; Die Vielen können sie nicht verstehen, nicht befolgen. Meine Lehre hat Einen Grundsatz; Mein Handeln hat Eine Grundform. Wer sie nicht weiß, versteht nicht. Wenige verstehen mich: das ist meine Größe. All-so: Der Vollendete scheint gering, ist groß."

Der Einundsiebzigste Spruch

"Sein Nicht-Wissen wissen ist Hoheit; Sein Nicht-Wissen nicht wissen ist Krankheit. Die Krankheit erfühlen heißt sie nicht mehr haben: Der Vollendete ist frei dieser Krankheit; erfühlt sie, also hat sie nicht."

Der Zweiundsiebzigste Spruch

"Wer nicht mehr mit Unglück rechnet, vergeht durch Unglück. Nicht sich wenig glauben; Nicht sich klein glauben; Nicht glauben, und es ist nicht. All-so: Der Vollendete kennt sich, ohne sich zu zeigen; genügt sich, ohne sich zu überschätzen; meidet dieses; müht jenes."

Der Dreiundsiebzigste Spruch

"Ver kühn ist, wagt töten; Wer nicht kühn ist, wagt leben lassen. Beides ist etwann gut, etwann auch schlecht: Wer kennt das Urteil des All? Der Vollendete bleibt hier in Sorge. Die Bahn des Allüberall ist diese: Sieg ohne Kampf; Gehorsam ohne Befehl; Anziehung ohne Aufforderung; Handlung ohne Tun. Das Netz des Allüberall hat weite Maschen, Doch nichts entweichet..."

Der Vierundsiebzigste Spruch

"„Fürchtet das Volk den Tod nicht mehr, Wer leitet das Volk durch Todesfurcht? Fürchtet das Volk den Tod, Man leitet es nützlich durch Todesfurcht” ... Nein! Es gibt ein Gericht über Leben und Tod; Doch wer an seiner Statt richtet über Lan und Tod, Ist wie wer an Stelle des Holzhauers leget die Axt an den Baum: Er schneidet sich unschwer die Hand."

Der Fünfundsiebzigste Spruch

"Das Volk leidet, weil die Großen schwelgen; Daher Volksunheil. Das Volk grollt, weil die Großen lärmen; Daher Volksunruhe. Das Volk verachtet den Tod, weil es Knecht ist des Lebens; Daher Volkslebensüberdruß. Über demLeben leben ist inniger leben als imLeben leben."

Der Sechundsiebzigste Spruch

"Weich und zart, so wird der Mensch, Hart und stark stirbt er. Schwank und zart, so keimt der Baum, Starr und stark stirbt er. All-so: | Starr und stark sind Weisen des Todes; Weich und wank sind Weisen des Lebens. Gleich-so: Groß und stark ist niedrig, Zart und weich ist hoch."

Der Siebenundsiebzigste Spruch

"Die Bahn des All ähnelt dem Spannen des Bogens: Die Wölbung strecken, die Höhlung füllen; Ein Zu-viel nehmen, ein Zu-wenig gänzen. Die Bahn des All: Überfluß streichen, Mangel füllen. Menschliche Weise ist anders: Streichen wo schon Mangel, Füllen wo schon Überfluß. Wer seinen Überfluß der Gemeinschaft weiht, ist in der Bahn, All-so: Der Vollendete handelt ohne Tun; wirkt ohne wirkend zu sein; entschwindet."

Der Achtundsiebzigste Spruch

"Nichts Weicheres, Wankeres in der Welt als Wasser, Nichts Mächtigeres auch zur Beugung des Starken und Starren: Unzwingbar weil all-anpassend. So auch: Alle Welt weiß: Schwaches zwingt Starkes, Weiches zwingt Starres; Doch niemand handelt danach. All-so der Vollendete spricht: Wer die Schuld der Gemeinschaft trägt, ist ihr Schützer; Wer das Unheil der Gemeinschaft trägt, ist ihr Meister: Unangenehme Wahrheit!..."

Der Neunundsiebzigste Spruch

"Nach großem Hasse bleibt kleiner Haß: Nichts verlöscht. All-so: Der Vollendete erfüllet sein Teil; hofft nicht auf andere. Wer im Rechten-Wege ist, untersteht seinem Müssen; Wer außerm Rechten-Wege ist, untersteht seinem Wollen. Die Bahn des All ist Gleichwichtigkeit: In ihr wallen die Guten."

Der Achtzigste Spruch

"Der Staat klein; Das Volk zahlreich; Waffen für zehn bis hundert Mann, doch ohne Gebrauch; Das Leben lieben; An der Scholle haften; Schiffe und Wagen, doch ohne Nutzen; Rüstzeug zu Schutz und Trutz, doch ohne Zweck; Rückschritt zu geknoteten Schnüren. All-so: Die Speise schmeckte; Das Kleid gefiele; Die Wohnung befriedigte; Die Sitte wäre sanft. Und wenn Gemeinden so nahe weilten, daß deutlich zu hören Hahnengekräh und Hundegebell: Man lebe, altere und sterbe, doch eine sich nicht."

Der Letzte Spruch

"Wahres Wort ist unschön; Schönes Wort ist unwahr. Wertvoller Mensch ist streitlos; Streitender Mensch ist wertlos. Weiser ist ungelehrt; Gelehrter ist unweise. Der Vollendete sammelt nicht sein Haben; verschwendet ans Menschliche und erwirbt; schenkt ans Menschliche und ist reich. Die Bahn des All: Ausgleich ohne Kampf. Die Bahn des Menschen: Tat ohne Zwang."
Loading…
Loading the web debug toolbar…
Attempt #