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Tao
"Wenn sein Name ausgesprochen werden könnte, wäre es nicht der ewige Tao. Der Name, welcher genannt werden kann, ist kein ewiger Name. Unnennbar ist des Himmels und der Erden Urgrund; nennbar sind alle Geschöpfe. Darum schauet der Wunschlose stets den Geist, der von Begierden Getriebene nur die Gestalt. Beide gehören zusammen und sind bloß verschiedene Namen. Zusammen erst werden sie tief, des Unergründlichen Grund, aller Erkenntnis Pforte."
Der Weise
"Wenn all auf Erden das Schöne als schön erkennen, erkennen sie auch das Häßliche. Wenn alle auf Erden das Gute als gut erkennen, erkennen sie auch das Böse. Denn: Sein und Nichtsein, schwer und leicht, lang und kurz, hoch und niedrig, Ton und Stimme, vorher und nachher ergänzen einander. Daher weilt der Weise im Beharren. Wandel, nicht Rede, ist seine Lehre. Alle Wesen nahen sich ihm und er entzieht sich keinem. Er schafft ohne Besitztum; wirkt ohne Ehrgeiz, vollendet Verdienstliches und pocht nicht darauf. Weil er nichts begehrt, trägt er den Lohn in sich selbst."
Regentschaft
"Gib den Edlen nicht zu viel Vorrang, und das Volk ist zufrieden. Leg kein Gewicht auf das, was nur wenige besitzen können, und es gibt keine Diebe. Denn nur das begehrenswert Scheinende verwirret die Herzen. Der weise Regent lenkt des Volkes Herzen nach innen, schwächt seinen Willen, stärkt seine Kraft. Immerdar sorgt er, daß die Leute ohne Erkennen und ohne Begehren sind; daß aber jene, welche erkennen, nicht wagen, zu handeln. Wenig handeln ist weise Regentschaft."
Das All
"Tao ist weit und unausfüllbar. Unergründlich ist der Schöpfer aller Wesen. Er glättet ihre Schärfe, streut aus seine Fülle, mäßigt eitles Glänzen und wird eins mit ihrem Staube. Unsichtbar ist er und doch gegenwärtig. Ich weiß nicht, wes Sohn er ist. Er ist schon vor dem Herrn."
Menschenliebe
"Die Natur kennt keine Menschenliebe, ihr sind alle Wesen nur Spielzeug. Der Weise kennt keine Menschenliebe, ihm ist das Volk nur ein Nichts. Alles zwischen Himmel und Erde gleicht einem Blasebalg; er ist leer und doch unerschöpflich; je mehr er sich bewegt, desto mehr kommt heraus: Viele Worte meist in Nichts zerrinnen; besser man bewahrt sie innen."
Das ewig Weibliche
"Der Quell des Lebens versiegt nicht; er ist das ewig Weibliche. In des ewig Weiblichen Grunde ruhen des Himmels und der Erden Wurzeln. Er ist immerdar und wirket mühelos."
Dauer im Wechsel
"Der Himmel bleibt und die Erde dauert. Bleibend und dauernd können sie sein, weil sie sich selbst nicht leben. Deshalb können sie dauernd Leben geben. So setzt auch der Weise sein Selbst zurück und kommt voran, entäußert sich seines Ich, um es zu bewahren. Weil er nichts Eigenes will, wird sein Eigenstes vollendet."
Güte
"Der vollendet Gute ist wie das Wasser. Er nützt allen Wesen ohne Streit, und weilt an Orten, welche die Menschen verachten. So steht er Tao nahe. Im Wohnen ist er der Erde gut, im Herzen der Tiefe, im Schenken den Menschen, im Reden der Wahrheit, im Staate dem Herrscher, im Wirken dem Können in der Bewegung der Zeit. Er streitet nicht, und erntet so keinen Groll."
Selbstbeschränkung
"Zugleich ergreifen und vollgießen Läßt sich kein Gefäß. Betasten und schärfen zugleich läßt sich keine Klinge. Gold und Edelstein in offener Halle kann niemand verwahren. Reich, geehrt, und noch dazu hochmütig sein - rufet das Unglück herbei. Wenn das Werk vollbracht ist, sich dann zurückziehen - das ist Weisheit."
Reinheit
"Nur wes Denken aus der Seele quillt, der kann ohne Zwiespalt währen. Wer sich der Kraft des Gemütes hingibt, wird glücklich wie die Jugend. Nur wer reinen und offenen Blickes ist, bleibt ohne Schwachheit. Liebt er das Volk und regiert er das Land, so kann er ohne handeln - wirken. Ob sich des Himmels Pforten öffnen oder schließen, er wird gelassen weilen. Sein reiner Blick erkennt die Welt ohne besondere Kenntnisse. Er erzeugt und ernährt, bleibt ohne Besitz, wirkt ohne Gewinn, und mehrt ohne zu fordern. Das ist wahre Tugend."
Der leere Raum
"Dreißig Speichen münden in die Nabe - der Raum zwischen ihnen macht sie erst zum Rade. Zum Formen knetet man den Ton - der Leere Raum darin jedoch macht erst die Vase. Tür und Fenster muß man brechen, um ein Haus zu bilden. Der Stoff macht den Besitz daran, das Nichts jedoch das Wesen. So entsteht aus Nichtsein Sein."
Torheit und Weisheit
"Farben bezaubern die Augen, Töne betören die Ohren, Gewürze reizen den Gaumen, Jagd und Rennen bestricken das Herz. Seltene Schätze locken die Wünsche. Der Weise aber sorgt für seine Seele und nicht für sein Auge. So wendet er sich von außen nach innen."
Würden und Bürden
"Gnade und Ungnade sind immer nur Bürden. Ehre beschwert genau wie der Leib. Die Gnade erniedrigt; denn sie zu erlangen bringt Furcht, genau wie sie zu verlieren. Was heißt Ehre beschwert den Leib? Der Leib ist der Sitz aller Plagen, körperlos sind alle Plagen dahin. Nur wer den Körper verachtet, dem kann man die Welt vertrauen; wer die Welt wie seinen Körper mißachtet, dem sei sie getrost überlassen."
Das Unfaßbare
"Man schaut es an und sieht es nicht; denn es ist farblos. Man horcht nach ihm und hört es nicht; denn es ist tonlos. Man greift nach ihm und faßt es nicht; denn es ist körperlos. Diese Dreiheit kannst du nicht trennen, denn es ist eines. Sein Äußeres ist nicht klar, sein Inneres nicht trübe. Man kann es nicht nennen, es verliert sich im Nichtsein. Das ist des Gestaltlosen Gestalt, des Bildlosen Bild, das Unerfaßliche. Wenn man ihm entgegenkommt, verbirgt es sein Antlitz, wenn man ihm folgt, sieht man es nicht mehr. Es erfassen, hieße die Welt beherrschen und ihren Anfang erkennen. Es wäre der Weg zu Tao."
Vorbilder
"Die besten der Vergangenheit waren fein, geistvoll, tief und können in ihrer Verborgenheit kaum erkannt werden. Deshalb will ich sie ansichtlich machen: Behutsam waren sie wie der, welcher im Winter einen Fluß überschreitet; vorsichtig wie der, welcher von bösen Nachbarn umgeben ist; zurückhaltend wie ein Gast; sanft wie schmelzendes Eis, einfach wie Holz, leer wie ein Tal und durchsichtig wie bewegtes Wasser. Wer kann dessen Trübe, indem er es stillt, allmählich klären? Wer kann die Ruhe durch Dauer beleben?` Wer den rechten Weg bewahrt, begehret nicht der Fülle; denn nur wenn er keine Fülle hat, kann er gering sein, und ohne Neues zu suchen doch die Vollendung erreichen."
Das Ewige
"Unerschütterliche Ruhe hat nur, wer sich selbst vergißt. Jeder Kreislauf bedingt die Rückkehr. Rückkehr zum Ursprung aber heißt ruhen. Eine Aufgabe erfüllt haben heißt ewig sein. Das Ewige erkennen ist die Erleuchtung. Ohne Erleuchtung kein wirkliches Glück. Nur wer das Ewige erkennt, ist vielseitig. Wer vielseitig ist, ist auch gerecht. Wer gerecht ist, wird Herrscher, Herrscher des Himmels, des Himmels! Das ist der rechte Weg: Überwinde den Körper."
Könige der Urzeit
"Von den großen Herrschern wußte das Volk: Sie waren sein. Die Nachfolger wurden geliebt und gelobt; weitere, die kamen, waren gefürchtet und ihre Erben verachtet. Wer nicht vertraut, erhält auch kein Vertrauen. Wie weitschauend waren die kostbaren Worte der ersten Herrscher. Die größten Werke gelangen, und alle hundert Geschlechter der Urzeit bekannten: Wir sind frei."
Verfall
"Aber der rechte Weg ward verlassen, und so gab es Sittlichkeit und Pflichten. Kluge Gewandtheit kam auf und die große Lüge. Waren erst die Blutsverwandten uneins, so brauchte es Kindespflicht und Elternliebe. War die Herrschaft in Verwirrung und Zerrüttung, so braucht[e] es getreue Diener."
Eitler Tand
"Verzichtet auf Wissenskram, und spitzfindige Klugheit, und der Gewinn des Volkes wird hundertfach sein. Laßt fahren die Liebedienerei, verzichtet auf die Gerichte, und das Volk wird zu Kindespflicht und Elternliebe zurückkehren. Laßt fahren auf die bloße Geschicklichkeit und verzichtet auf eitlen Vorteil, und es wird keine Diebe und Räuber mehr geben. Den in diesen dreien genügt kein Schein. Darum soll man haben, was man halten kann. Man übe Lauterkeit; pfleg' Einfalt dann, man suche Wahrheit, wenig wünsche man."
Einsamkeit
"Wer wenig weiß, hat keinen Kummer. Zwischen kleinen Dingen ist kein großer Unterschied. Gut und bös aber unterscheiden sich, und was alle Menschen fürchten, darf man nicht übersehen. Die Verblendung ist allüberall: die Menge strahlt vor Lust wie bei dem Feiern ihrer Feste, wenn sie im Frühling - auf den Türmen jubelt. Ich allein liege still, unberührt von allem, wie das Kind, das noch nicht lachen kann. Ich schwanke umher wie der Heimatlose. Diese Menschen alle leben im Überfluß. Ich aber karge, besitze das Herz des Toren, und komme mir vor wie verwirrt. Die Menge glaubt alles zu wissen, ich allein bin so traurig. Der Menge scheint alles so klar, mir scheint es so trübe. In dem öden Meere treib ich ohne Ufer. Die Menschen sind alle so geschickt, ich aber bin unpraktisch, hilflos. Allein ich bin wirklich anders als sie, ich ehre die spendende Mutter der Welt."
Das Unergründliche
"Der Gehalt des Unfaßlichen liegt in Tao. Tao ist Wesen, aber unfaßlich und unbegreiflich. Unfaßlich und unbegreiflich ist sein Bild. Unfaßlich und unbegreiflich ist sein Wesen. Unergründlich dunkel ist sein Geist und doch so zuverlässig. In ihm ist Treue, unwandelbar ist er. Seit alters sah er den Anfang der Dinge. Der Dinge Anfang aber ahne ich nur durch Ihn."
Vollkommenheit
"Was krumm ist, wird sich glätten. Was leer ist, wird sich füllen. Was alt ist, das wird neu. Wer wenig hat, dem wird gegeben. Wer viel hat, wird enttäuscht. Weil er nicht auf sich selbst sieht, leuchtet er den andern; weil er sich nicht selbst gefällt, gefällt er den andern; weil er sich nicht selber rühmt, erwirbt er reichen Ruhm; weil er sich nicht selbst erhebt, ragt er hervor; weil er nicht streitet, sucht keiner Hader mit ihm. Wenn die Alten sagten: Was krumm ist, wird sich glätten, so sind das keine leeren Worte."
Keine müßige Rede
"Nur wenig reden ist das Rechte. Der Wirbelsturm überdauert auch keinen Morgen, und der Platzregen währt keinen Tag. Sie aber sind zwischen Himmel und Erde. Selbst Himmel und Erde sprechen nicht länger. Wie viel weniger kann es der Mensch. - Der Weise verbindet sich mit Tao. Der Tugendsame verbindet sich mit der Tugend. Der Verderbte verbindet sich mit der Verderbnis. Über den Weisen freut sich Tao. Über den Tugendhaften freut sich die Tugend. Über den Verderbten aber freut sich die Verderbnis, um ihn zu verderben. Nur der Gläubige aber findet wieder Glauben."
Was Toren tun
"Wer auf den Zehen steht, steht nicht fest. Wer mit gespreizten Beinen geht, kommt nicht fort. Wer selber scheinen will, der leuchtet nicht. Wer sich selber rühmt, hat kein Verdienst. Wer sich selbst erhebt, ragt nicht hervor. Wer sich vor die Weisheit stellt, der ist ein Tor, den man von sich weist. Wer Tao hat, der handelt anders."
Das höchste Wesen
"Es gab ein Wesen voll unbegreiflicher Größe, noch ehe Himmel und Erde entstanden. Still, übersinnlich, unveränderlich bleibt es und unwandelbar. Durch alles geht es - unberührt. Es ist die Mutter der Welt. Ich kenn das Unbekannte nicht und nenne es Tao. Ich nenne es groß, mit Inbrunst. Ich nenne es entfernt und immer wiederkehrend; denn Tao ist groß wie der Himmel, die Erde aber ist groß wie ein menschlicher König. In der Welt gibt es vielerlei Große, und der menschliche König ist einer davon. Des Menschen Richtmaß ist die Erde. Der Erde Richtmaß aber ist der Himmel, und des Himmels Richtmaß - Tao. Tao aber hat nur sich selbst zum Vorbild."
Ernst und Ruhe
"Das Schwere ruht im Leichten. Die Stille bändigt die Bewegung. So wandelt der Weise seinen Tag in ruhigem Ernst. Wohnt er in Palästen, so bleibt er gelassen und verläßt sie unbeschwert. Wie viel mehr braucht dies alles der, welcher herrscht. Leichter Sinn kostet ihm die Untertanen, Unruhe - die Herrschaft."
Überlegenheit
"Der gute Wanderer hat leichten Schritt. Den guten Sprecher nimmt die Rede mit. Der gute Rechner braucht keinen Rechenstab. Die gute Tür hält ohne Druck und Riegel. Den guten Binder kennt man dran, daß er ohne Knoten sicher binden kann. So ist auch der Weise immer richtig am Platze. Er ist der gute Helfer, der niemand verläßt. Das ist die doppelte Erkenntnis: Der gute Mensch ist des schlechten Lehrer, und macht ihn zum Werkzeug des Guten. Den Lehrer aber nicht ehren, oder das Werkzeug verachten, wäre Widersinn gegen die Natur. Das ist eine wichtige Erkenntnis."
Berufung und Amt
"Wer seiner Mannheit bewußt die weiblichen Tugenden pflegt, in den strömt die Weisheit der Welt, er kehret zur Kindheit zurück. Wer das Licht erkennt und doch im Dunkeln bleibt, der ist der Welt ein Vorbild, Ist er das, so bleibt die gleichmäßige Tugend sein Schicksal, und Unbefangenheit sein steter Lohn. Wer seine Würde kennt und in der Demut weilet, der steht gut in der Welt. Tut er dies, dann ist seine Tugend reich und seine Einfalt echt. Wenn der gemeine Mann brauchbar wird, geschieht das um den Preis der Einfalt. Der Weise aber wird durch sie zum Herrschen berufen. Mit ihr regiert er großmütig und verletzt niemand. Im Buch sind die folgenden Zeilen umgekehrt angegeben: geschieht das um den Preis der Einfalt. Wenn der gemeine Mann brauchbar wird."
Wahre Größe
"Wer die Welt nehmen und sie formen wollte, würde scheitern. Sie ist ein geistig Ding, das man nicht formen kann. Der Former zerstört es, und der Nehmer verliert es. In diesem Weltenwandel geht man bald vor, bald folgt man nach, bald sieht man froh, bald finster drein, bald wird man stark, bald wird man schwach, bald bricht man los, bald lenkt man ein. So meidet der Weise den Überschwang wie die Überhebung, und verachtet äußere Größe."
Gewaltlose Herrschaft
"Tao rät dem Menschenherrscher, mit Waffen nicht die Welt zu zwingen. Er läßt stets den Rückzug offen. Wo Heereshaufen weilen, blühn Disteln nur und Dornen. Den großen Kriegen folgt die große Not. Der kluge Sieger weiß sich stets zu mäßigen und greift nicht zur Eroberung mit Gewalt. Er siegt ohne Stolz, gewinnt ohne zu triumphieren und herrscht ohne jede Überhebung. Er siegt nur, wenn er muß, siegt, und vergewaltigt nicht. Wer stark geworden ist, kann leicht verlieren. Ist Tao nicht mehr nah, so ist auch bald das Ende da."
Fluch der Waffen
"Die besten Waffen bringen niemals Glück, mit Abscheu seh der gute Mensch sie an. Wer Tao kennt, der braucht sie nicht. Links ist die Heimat, das Herz; rechts sind die Waffen, wohnt die Gewalt. Waffen sind keine glückbringenden Geräte, nicht Werkzeuge des Weisen. Nur im Notfall brauch er sie, Ruhe und Frieden sind ihm das Höchste. Er siegt nur ungern; es gern tun, hieße sich freuen am Tode der Menschen. Wer Menschen tötet, kann der Welt nicht dienen. Was freut, ruht links, beim Herzen, was schmerzt, ruht rechts, bei den Waffen. Der Soldat steh links, der Feldherr rechts - und leide. Nur mit Schmerz und Trauer sehen kann man den, der viele Menschen getötet hat. Siegen durch Gewalt heißt Leiden schaffen."
Beschränkung
"Tao, der Ewige, hat keinen Namen. In stiller Einfachheit, kaum sichtbar, umfaßt er das All. Wenn Fürsten und Könige Tao dienen möchten, würden ihnen alle Wesen huldigen, würden sich Himmel und Erde vor ihnen neigen. Das Volk würde ungeheißen von selbst das Rechte tun. Wer aber wirkt, der ist nicht namenlos; drum soll er sich beschränken. Nur wer sich mäßigt, der meidet die Gefahr; denn aus Bächen und Flüssen werden Ströme und Meere."
Wirkliche Dauer
"Wer die andern kennt, ist klug; wer sich selber kennt, ist weise. Wer andere besiegt, ist stark; wer sich selbst überwindet - tapfer. Wer sich beschränkt, wird reich. Willen hat nur, wer in Selbsterkenntnis handelt. Wer seinen Platz nicht verläßt, der bleibt bloß. Wer aber stirbt und doch nicht untergeht, der dauert."
Vollendung
"Tao ist allgegenwärtig. Alle Geschöpfe verdanken ihm ihr Leben, und er gewährt es ihnen. Wenn sie ihr Werk vollenden, nennt er es nicht das seine. Er liebt und nährt alle Geschöpfe und nennt sich nicht ihren Herrn. Ewig ohne Verlangen scheinet er klein, in ihm schließt sich der Kreislauf der Dinge und macht ihn so groß. So sei auch der Weise nicht groß im Wesen, sondern durch seine Vollendung."
Unvergänglicher Besitz
"Wer Tao schaut, der hat in sich die Welt in Friede, Ruhe und Behagen. Vor Musik und lockenden Speisen steht nur der törichte Wanderer still, Tao aber schmeichelt nicht den Sinnen. Wer ihn besitzt, der fürchtet kein Ende mehr."
Behutsamkeit
"Was klein wird, war zu groß; was schwach wird, war zu stark; was fällt, zu hoch; was verschwindet, offenkundig. So wird Verborgenes klar. Weich und schwach währt länger oft als hart und stark. Wie man den Fisch nicht aus dem Wasser nehmen soll, so bleibe auch des Landes Macht verborgen."
Wunschlosigkeit
"Tao handelt nicht, und ist doch voller Wirkung. Wenn Könige und Fürsten dies begriffen, würden sie leichter regieren, würden sich zügeln zu ehrgeizloser Einfachheit. Sie stillt die Begehren. Begierdelosigkeit läßt ruhn und alle Welt das Rechte tun."
Sein und Schein
"Der rechte Weg ist nicht der ausgetretene Pfad, der schlechte Weg ist Weg und führet weg. Der rechte Weg führt nicht zu dem, was alle tun; nur niedrige Tugend folget ihnen. Hohe Menschenliebe handelt nicht der Taten willen, gleich der Gerechtigkeit. Die Sitte aber handelt, und wer ihr nicht entspricht, den holt sie mit dem Arm herbei. Drum verliert man ohne Tao auch die Tugend, bleibt man ohne Tugend ohne Menschliebe, verliert man mit ihr auch Gerechtigkeit. So bleibt am Schluß die Sitte über als bloßer Schein des Sittlichen und Zeichen des Verfalls. Das Wissen jedoch wird Mittel zum Verfall. So hält sich der große Mensch stets an das Innen und nicht an das Außen, bleibt beim Sein und nicht beim Schein, hälte sich an jenes, meidet diesen."
Band der Einheit
"Die Einheit erlangten: Der Himmel, damit er glänze, die Erde, damit sie stehe, der Geist, damit er denke, das Wasser, damit es eile. Alle Wesen erhielten die Einheit zu leben, die Herrscher der Erde erhielten sie, um der Welt das Maß zu geben. Denn würde der Himmel seine Einheit lassen, wäre die Welt nicht mehr zu fassen. Gäbe nichts der Erde Halt, würde sie zerspringen. Gäbe es keine Geistesgewalt, würde der Verstand zerfliegen, füllte nichts der Bäche Rand, würden sie versiegen. Gäbe nichts den Wesen Sinn, niemals würden sie bestehen. Gäbe es edle Herrscher nicht, wäre alles ohne Gewinn. Deshalb braucht auch der Edle den Geringen, wie der Niedrige den Hohen zu seiner Ergänzung. So nennen sich Fürsten und Könige Verwaiste, Einsame und Unwürdige, bezeichnen das Unbedeutende als ihre Wurzel. Ist es nicht so? Verfalle nicht dem gleißenden Schein des Diamanten, schätze die rohe Rauheit des einfachen Steins."
Kreislauf
"Der Kreislauf ist Taos Bahn und Nachgiebigkeit seine Erkenntnis. Alle Wesen der Welt entstehen im Sein, das Sein aber entsteht aus dem Nichtsein."
Sinnspruch
"Wenn der wirklich Weise von Tao hört, so wandelt er auf dessen Bahn. Der halb nur Weise folgt bald Tao, bald verliert er ihn. Die Dummen aber, hören sie von Tao, verlachen ihn, und lachten sie nicht, so wäre es wirklich nicht Tao. So lautet denn ein Spruch: Wer von Tao erleuchtet ist, scheint dunkel. Wer Taos Weg gegangen, scheint zurückgeblieben. Sein ebener Weg erscheinet rauh, das reichste Leben scheinet leer, die größte Reinheit scheint wie Schmach, der geistige Besitz so arm, die Tugendstärke wie ein Schwanken, wer echt im Glauben, scheint zu wanken - Das große Geviert scheint ohne Ecken, ein riesiges Gefäß, unvollendet, ein großer Ton, der schwach nur schallt. Tao ist verborgen, namenlos, nur im Sichverschenken, im Vollenden groß."
Zusammenhang
"Tao erzeugt das Eine, das Eine erzeugte die Zweiheit, die Zweiheit erzeugte die Dreiheit. In der Dreiheit ruhen alle Geschöpfe. Ihre Vielheit trägt das Ruhende und umschließt alle Taten; der unendliche Atem des Lebens schlingt sie ein. Was die Menschen fürchten, ist Verlassenheit, Einsamkeit, Unwürdigkeit. Die Fürsten aber wählen diese Titel; denn man wird entweder durch Erniedrigung erhöht, oder durch Bereicherung verarmt. So sei auch das, was andere lehren, hier gelehrt: Mit Selbstsucht erreicht man nie ein Ziel. Daraus will ich auch die Lehre ziehn."
Stilles Wirken
"Nachgiebigkeit besiegt die Härten der Welt, das Wesenlose durchdringt den Stoff. Darin erkenne ich den Vorteil der Willenlosen Schau. Belehrung ohne Worte, Vollendung ohne Taten erreichen nur wenige in dieser Welt."
Rechtes Maß
"Der Name oder das Ich, was steht denn näher? Das Ich oder der Besitz, was ist denn mehr? Gewinnen und verlieren, was ist denn schlimmer? Wer zu sehr liebt, fast alles gibt; wer viel verlangt, der wird enttäuscht. Wer sich begnügen kann, der bleibt auf guten Wegen, und wer zu bremsen weiß, der kommt nicht in Gefahr. So kann er dauern."
Ausgleich
"Das wirklich Vollkommene muß unzulänglich erscheinen, so erst wird es unendlich in seiner Wirkung. Wenn die große Fülle leer erscheint, dann ist sie unerschöpflich. Große Aufrichtigkeit scheint verschlagen, große Weisheit gleicht der Torheit, große Rede scheint oft stumm. Mit Bewegung überwindet man die Kälte und mit Ruhe übersteht man Hitze. Richtiges Maß aber ist die Ausgeglichenheit."
Vom Glück
"Wenn Tao herrscht auf dieser Welt, so zieh'n die Pferde friedlich hin zum Acker. Wo aber Tao fehlt, da zieh'n die Roße fort zum Krieg. Es gibt keine größere Schuld als das Treibenlassen der Begierden, kein größeres Übel gibt es als den Mangel an Mäßigung. Kein schlimmeres Unheil gibt es als die Sucht nach dem Gewinn; denn nur wer sich zu bescheiden weiß, kann glücklich sein."
Innere Schau
"Ohne aus der Tür zu gehen, kannst du die Welt erkennen. Ohne Blick durchs Fenster siehst Du Tao's Weg. Wer allzu vieles schaut, der sieht nur wenig. Der Weise aber wandert nicht, und kommt trotzdem ans Ziel. Er sieht nicht, und doch ist ihm alles klar. Er handelt nicht, und gelangt doch zur Vollendung."
Einkehr
"Wer Wissen sucht, braucht täglich mehr. Wer Tao sucht, kommt zu sich selbst zurück und stillt ungestümen Wollens Drang. Nur wer frei bleibt von Geschäftigkeit, wird die Welt besitzen."
Wahre Berufung
"Der Weise hat kein Herz für sich, er macht aller Leute Herz zu seinem Herzen. Zu den Guten ist er gut und zu den Bösen ist er es auch; denn Leben in Tao ist Güte. Zu den Treuen sei treu und zu den Nichttreuen sei es auch; denn Leben in Tao ist Treue. Der Weise lebt nur behutsam in der Welt, aber er öffnet ihr weit sein Herz. Die Menschen starren ihn an offenen Auges und Ohres; er aber behandelt sie als seine Kinder."
Leben
"Leben heißt, sich zum Sterben bereiten. Drei nur von zehn streben zum Tode. Drei auch von zehn streben zum Leben, doch gehen zum Tode - aus Liebe zum Leben. Der eine aber, der sein Leben wirklich zu leben weiß, wandert hindurch ohne zu fliehen vor Nashorn und Tiger, er braucht für den Krieg nicht Panzer noch Waffen. Das Nashorn findet nichts, wo es ihn träfe; der Tiger tappet ins Leere. Denn dieser eine steht über dem Leben."
Taos Wesen
"Tao erzeugt, erhält, gestaltet und vollendet die Wesen der Erde. So sollten sie alle zu ihm einkehren und seine Macht verehren. Taos Anbetung und die Verehrung seiner Macht bedarf aber keines Gebotes. Freiwillig sei sie und stetig, wie Tao zeuget und erhält, großzieht und ausbildet, vollendet und reifet, pfleget und schützet. Erzeugen, nicht um zu besitzen, handeln ohne Ehrgeiz, bilden, ohne zu beherrschen, das ist wahre Tugend."
Unsterblichkeit
"Die Welt hat einen letzten Urgrund, er ist aller Wesen Mutter. Wer ihn einmal erfahren hat, kennt seinen eigenen Ursprung und kehrt zu ihm zurück. Dann ist der Tod nur Sache des Körpers, wer ihn vergißt und sich trennt, stirbt ohne Sorge. Wer sich aber dem Körperlichen hingibt, der stirbt ohne jede Rettung. Der ferne Urglanz ist Erleuchtung, in seiner weiten Ferne liegt die Stärke. Wer zu jenen fernen Lichtern zieht, für den ist der Tod ganz ohne Schrecken. Das ist Unsterblichkeit."
Gerader Weg
"Wer einmal erkannt, geht immer den Weg zu Tao. Er muß wissen, daß dies ein gerader und einfacher Weg ist - die Menge aber liebt die krummen Wege mit prächtigen Palästen bei wüsten Feldern und leeren Speichern. Bunte Kleider liebt sie und scharfe Schwerter, sie liebt es, sich zu füllen mit Speise und Trank. Im Überfluß schwimmen, heißt aber nur sich dem Augenblicke ergeben - und nicht mit Tao leben."
Das wahre Reich
"Was gut gebaut ist, wird nicht abgerissen, was gut verwahrt ist, bleibt erhalten. Die Enkel danken dann dem Ahnen. Er führe Tao bei sich selber ein, dann hat die Tugend recht Gedeih'n. Er führe Tao ein in seinem Haus, dann strömt die Tugend reichlich aus. Er führe Tao ein an seinem Ort, dann wächst die Tugend mächtig fort. Er führe Tao ein in seinem Land, dann hat die Tugend wahren Stand. Er führe Tao in dem ganzen Reiche ein, dann schließt die Tugend alles ein. Denn an der Person prüft man die Personen, an dem Hause prüft man die Häuser, an dem Ort die Orte, an dem Land die Länder und an dem Reiche das Reich. Woran erkennt man, daß das Reich wirklich eins sei? An Tao."
Gleichnis
"Wer wahre Tugend hat, der gleicht dem Kinde: das giftigste Gewürm verschont es, die reißenden Tiere gehen an ihm vorüber, des Raubvogels Stoß trifft es nicht. Seine Knochen sind schwach und seine Sehnen weich, und es greift doch fest zu. Es weiß noch nichts von Begierden und ist doch stark. Den ganzen Tag schreit es und wird dabei nicht heiser, vor Fülle des Lebens. Im Leben liegt Ewigkeit, im Ewigen erst die Erleuchtung. Wer im Äußeren lebt, gibt sich aus; wer im Inneren lebt, verinnerlicht. Das Innerliche aber dauert mit Tao. Was ohne Tao ist, das nur vergeht."
Geistesadel
"Der Wissende schweigt, denn der Redende weiß nicht. Er hält seinen Mund, verschließt seine Gedanken, mildert ihre Schärfe, streut ihre Fülle, läßt milde sie glänzen, wird eins mit dem Staube. Das ist wirkliche Weltoffenheit. Wer sie besitzt, ist unzugänglich für Anfreundung, wie für Entfremdung; unzugänglich für Gewinn wie für Schaden; unzugänglich für Ehre wie für Schmach. Es ist der wirklich Vornehme auf Erden."
Redliche Regentschaft
"Mit Redlichkeit regiert man bestens, Arglist führt nur zu Gewalt, ruhiges Beharren mehrt das Reich; denn je mehr Verbote und Einschränkungen entstehen, desto mehr verarmt das Volk. Je mehr Waffen geschmiedet werden, desto mehr Unruhe entsteht. Je mehr sich Klugheit auftut, desto mehr erheben sich Wunderlichkeiten. Je mehr Gesetze und Befehle angeschlagen werden, desto mehr Diebe und Räuber gibt es. Drum bleibt der Weise möglichst ohne Handeln, und das Volk blüht von selbst. Er bleibt ruhig und das Volk redlich; er bleibt ohne Geschäftigkeit, und das Volk gedeiht; er bleibt ohne Begierden, und das Volk einfach."
Der echte Herrscher
"Wo vorsichtig und langsam regiert wird, kommt das Volk am besten empor. Wo spitzfindig und herrisch regiert wird, verfällt es dagegen. Unglück! Das Glück beruht so oft auf ihm. Glück! Das Unglück lauert hinter ihm Wer kennt im voraus den Ausgang? Ist der Herrscher nicht redlich, so werden die Ehrlichen zu Schelmen, die Guten zu Schurken, und des Volkes Verblendung währt lang und länger. Deshalb ist der wirklich berufene Herrscher gerecht und nie verletzend, sanft und nicht beleidigend, ehrlich und nicht willkürlich, leuchtend, aber nicht blendend."
Unüberwindlichkeit
"Für die Lenkung der Menschen wie für den Dienst des Himmels gibt es nichts Weiseres als die Beschränkung. In der Beschränkung liegt Vorsorge, in der Vorsorge Wohltat. Die Güte allein ist unüberwindlich, sie ist jeder Lage gewachsen. So entsteht Macht, entsteht wirklicher Besitz eines Landes. Wer es aber wirklich hat, der ist verwurzelt mit ihm in tiefstem Grunde, der wandelt den Pfad zu unsterblicher Macht."
Weisheit der Ahnen
"Ein großes Land, das muß man sachte lenken, wie man kleine Fische brät; will man wie ein Weiser denken, man in Tao's Kreisen geht. Es sind die Geister stets der Ahnen, die das Land, wie auch den Fürsten mahnen; niemals werden sie den Menschen schaden, wenn deren Herrscher Tao haben."
Große und kleine Länder
"Das große Land soll sich in die Welt einfügen wie die Frau, die in ruhiger Nachgiebigkeit den Mann gewinnt. Mit Nachgiebigkeit gewinnt das große Land das kleine, mit Nachgiebigkeit gewinnt aber auch das kleine Land das große. Die einen sind nachgiebig, um zu gewinnen, die andern sind nachgiebig, um gewonnen zu werden. Das große Land wolle nicht mehr, als die Menschen verbinden und sie fördern; das kleine Land wolle nicht mehr, als sich anzuschließen und allen zu dienen. So erreichen sie beide, was sie wollen. So soll das große Land vor allem Nachgiebigkeit üben."
Höchster Schatz
"So steht Tao im Herzen der Menschen: Als höchster Schatz der Guten ist er auch Rettung der Bösen. Treffende Worte können gewinnen, richtiger Wandel tut es noch mehr. Die Schlechten aber soll man nicht aufgeben; darum sind Herrscher eingesetzt und haben Fürsten ihre Ämter. Selbst wenn man Gesesetzestafeln aus Juwelen hätte und mit den Sonnenpferden fliegen könnte, so ist es doch besser, nur ganz langsam weiterzukommen, mit Tao. Warum verehrten ihn schon die Ahnen? Doch nur, weil er durch tägliches Suchen stets neu gefunden wird, und denen vergibt, die gesündigt haben. Drum ist er der köstlichste Schatz auf Erden."
Das Unbedeutende
"Dein Handeln sei Wirken, deine Tat kein Geschäft, deine Lust nicht Genuß; sieh das Große im Kleinen, Vieles im Wenigen; vergilt Feindschaft mit Wohltat, unternimm das Schwere mit leichtem Sinn, tu Großes im Kleinen. Die schwersten Dinge der Welt beginnen am leichtesten, das Große beginnt im Kleinen. Weil der Weise niemals Großes tut, kann er das Große vollenden. Wer leicht verspricht, hält sicher nicht, allzu leicht, wird allzu schwer. Da dem Weisen alles schwer erscheint, wird lebenslang ihm nichts zu schwer."
Ende vor dem Anfang
"Das Ruhende ist leicht zu halten, dem Unsichtbaren leicht zu begegnen, das Zarte leicht gebrochen, das Feine leicht zerteilt. Drum tu, was noch nicht fällig ist und schlichte, noch eh der Streit beginnt. Der größte Baum entsprießt dem kleinsten Sproß, der Riesenturm steigt auf aus schmalem Erdengrund, die längste Reise beginnt ein einziger Schritt. Wer handelt, kann scheitern, wer nimmt, kann verlieren. Weil der Weise nichts tut, mißlingt ihm auch nichts, weil er nichts erwirbt, kann er nichts verlieren. Die meisten sehen sich immer nah der Vollendung und kommen zu nichts. Denke an das Ende, statt an den Anfang, das ist der Weg des Gelingens. Der Weise ist wunschlos und begehrt nicht nach Schätzen der Erde; er lernt nichts zu erstreben und verzichtet darauf, wonach sich die andern sehnen. So schenkt er ohne eigenes Zutun den andern die Freiheit."
Wesen der Herrschaft
"Die von alters Taos Lehre kannten, ließen das Volk im Dunkeln, es sollte einfach bleiben; das Volk ist schwer zu lenken, wenn es allzu klug ist. Durch Wissen ein Land beherrschen, heißt es verderben, durch Einsicht ein Land regieren, bringt ihm den Segen. Wer dies beides erkennt, ist der geborene Herrscher. Sich seiner Herrschaft bewußt sein, das ist seine Tugend. Diese Tugend ist abgründig, unerreichbar, unbegreiflich den Menschen. Am Ende aber unterliegen sie ihr."
Der Friedensfürst
"Ströme und Meere, ordnen sich unter dem ewigen Fluß und sind so die Fürsten der Wasser. So stellt sich auch der große Mensch mitten in den Strom der Zeit, vergißt sein Ich um seines Volkes willen. So steht er an der Spitze des Landes, ohne es zu bedrücken, schirmt es vor Schaden, so daß es ihm gerne gehorcht und seiner nicht müde wird. Weil er nicht hadert, kommt keiner zu Streit mit ihm. So bewahrt er den Frieden."
Drei Tugenden
"Alle sagen, Tao sei groß, aber nicht für das Leben. Das ist seine wirkliche Größe, daß er nicht dem gemeinen Leben gehört. Drei Tugenden sind es, die ich schätze und hege: Die eine ist die Liebe, die andere die Genügsamkeit, die dritte Demut heißet. Die Liebe gebieret den Mut, Genügsamkeit macht freigiebig und die Demut befähigt zur Herrschaft. Heute aber hat man nur Mut ohne Liebe, spendet ohne Selbstbeschränkung, steht an der Spitze ohne Demut. Das ist das Ende; denn Liebe siegt nur im Kampfe, wird stark in Bedrängnis. Wen der Himmel retten will, dem gibt er die Liebe."
Menschlichkeit
"Der wahre Feldherr sehnt sich nicht nach Krieg, der wahre Kämpfer handelt nicht im Zorn. Wer den Feind besiegt, der zankt nicht mit ihm; wer die Menschen lenkt, der zeigt sich nicht. Das heißt friedvoll leben, heißt die Menschen leiten, das heißt eins sein mit dem Himmel - der Alten höchstes Ziel."
Wahrer Sieger
"Ein Feldherr hat gesagt: Besser ist es Gast zu spielen, als den Wirt; besser einen Fuß zurück, als einen Zoll breit vor. Das heißt vorrücken ohne Sturm, verteidigen ohne Abwehr, Verfolgung ohne Angriff, Gefangennahme ohne Waffen. Der leichtfertige Angriff ist das größte Unheil, er bedeutet alles aufs Spiel setzen. Wo sich Heere begegnen, da siegt nur die Barmherzigkeit."
Verborgene Wahrheiten
"Leicht sind meine Worte zu verstehen, leicht auch zu befolgen; keiner in der Welt vermag sie zu ergründen, keiner auch nach ihnen sich zu richten. Diese Worte ruhn im tiefsten Grund, haben einen hehren Sinn. Wird dieser nicht verstanden, so bleib auch ich im Dunkeln. Wie die, die mich verstehen, nur wenige sind, so werde ich geschätzt. So trägt der Weise seinen Besitz gleich Juwelen in seinem härenen Kleid."
Der Weise leidet nicht
"Wisse, daß du nichts erkennen kannst. Das Nichterkennen wäre Weh? Wen nur die Krankheit kränkt, der ist nicht krank. Der Weise leidet nicht, wenn ihn nur diese Krankheit kränkt; deshalb ist er auch frei von allem Leid."
Einsicht
"Wenn ihr euch vor dem Fürchterlichen nicht fürchtet, wird das Ungeheuerliche eintreten. Keinem sei seine Wohnung zu eng, keinem sein Leben zu bescheiden; wer sich nicht eingeschränkt fühlt, ist auch nicht beengt. So erkennt sich der Weise selbst, ohne sich lange zu betrachten; so schätzt er sich selbst, ohne sich zu überheben. Das eine ergibt sich aus dem andern."
Unerforschlicher Himmel
"Der Mutige wagt zu töten, der Feige wagt es nicht; beides kann nützen, beides kann schaden. Wer kennt den Ratschluß des Himmels? Drum bleibt der Weise bedächtig; denn der Himmel streitet nicht und weiß zu überwinden; er redet nicht und kann stets Antwort finden. Ohne Ruf kommst du zu ihm, langmütig weiß er dich heranzuziehn; des Himmels Netz umspannet Riesenweiten, doch nie kannst du, o Mensch, ihm je entgleiten."
Milde
"Wenn das Volk die Todesfurcht nicht kennt, wie soll man es dann lenken? Die Todesfurcht allein gestattet es, den Bösen vor der Tat zu schrecken - der Henker steht im Hintergrunde. Doch sein Wirken heißt vernichten, statt verbessern. Wer aber vernichtet, statt belehrt, dem selten bleibt die Hand ganz unversehrt."
Weg des Lebens
"Wollen die Oberen prassen, müssen sie das Volk darben lassen. Wenn die Großen lärmen, kann das Volk nicht stille sein. Wer Knecht nur ist in seinem Leben, achtet den Tod gering; nur wer über seinem Leben steht, weise durch das Dasein geht."
Aufstieg
"Weich und zart tritt der Mensch ins Leben ein, hart und stark muß er es verlassen; wie auch Kräuter, Blumen, Bäume, weich und zart beginnen, um trocken dann ein dürres End zu finden. Drum ist das Harte und das Starke stets dem Tode nah, das Weiche und das Schwache in des warmen Lebens Nähe. So ist auch dem starken Heere keineswegs der Sieg so sicher wie dem starken Baume, der vor dem Ende steht. Das Starke und das Große fällt, das Weiche und das Schwache steigt empor."
Wirken in Verborgenheit
"Des Himmels Weg, gleicht dem Bogen; oben trägt er seine Last und unten ist die Stütze. Das Hohe wird gedrückt, das Niedrige erhoben. So gleicht der Himmel alles sattsam aus. Der Mensch jedoch handelt gegenteilig. Zum Drucke fügt er Druck hinzu, um das Leichte weiter zu entlasten. Wer aber mag der Welt im Überfluß zu geben? Nur der, der Tao hat. Daher handelt der Weise ohne Aufsehen, vollendet sein Werk, ohne bei ihm zu verweilen und zeiget seine Weisheit nicht."
Wahrheit
"Nichts in der Welt ist so weich wie das Wasser, und doch zermürbt es das härteste und stärkste Gestein. So überwindet das Sanfte das Starke, das Weiche das Harte. Jeder weiß das, und keiner zieht Nutzen daraus. Wer des Landes Schwierigkeiten auf sich nimmt, der bringt die größten Opfer; tragen aber des Landes Not und Pein, das heißt fürwahr des Reiches König sein. Wahre Worte kann man nicht ins Gegenteil verkehren."
Worthalten
"Wenn bei der Versöhnung großen Grolls ein Stachel übrig bleibt, so kann das nicht das Rechte sein. Deshalb nimmt der Weise stets die schwerere der Lasten auf sich selbst und ladet sie nicht den andern auf. Wer Tao hat, der hält sich an sein Wort. Wer Tao nicht hat, fordert nur. Taos Weg kennt kein Ansehen der Person, er öffnet sich nur dem Tüchtigen."
Glückliches Land
"Ein kleines Land, ein kleines Volk, laß es manche Dinge haben, die es nicht gebrauchet. Mache, daß es gerne lebe, ohne in die Weite sich zu sehnen. Laß es Schiff und Wagen haben, die es nicht zu nützen wünscht; gib ihm Rüstung und auch Waffen, die es doch nicht führen will; gib dem Volk auch alte Knotenschnüre, statt der neuen Schrift. So wird ihm das Essen munden, freudig wird es seine Kleidung tragen, gerne weilen in dem Hain und ehren alte Sitte. Die Nachbarländer sind nicht weit, ihrer Tiere Stimme kannst du hören; trotzdem werden dieses Volkes Leute alt und glücklich werden ohne Sehnsucht nach der Ferne zu verspüren."
Der letzte Spruch
"Wahrheit ist oft bös zu hören, schöne Worte können trügen; denn das Gute braucht nicht Wortezauber. Wer Worte drechselt, ist nicht gut. Weisheit braucht nicht viel zu wissen: Wer vieles weiß, der braucht nicht weise sein. Der wirklich Weise speichert nicht, je mehr er andern schenket, desto mehr besitzt er selbst. Je mehr er fortgegeben, desto reicher ist er am Ende. Der Himmel will wohltun und nicht strafen, der Weise will wirken und nicht eitel glänzen."