German (v8)

Tao Te King

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1

"KANN EWIG-EINES SEIN, WAS WIR ERKENNEN? EIN NAME EWIG SEIN, MIT DEM WIR NENNEN? - Des Weltalls letzter Grund ist namenlos, Benannt ist der Geschöpfe Mutterschoß. Beide sind eins, der Name unterscheidet. Als Einheit sind sie Wunder, fern dem Worte, Ein Wunder, das ein tieferes noch umkleidet, Der Wunder tiefstes: Aller Wunder Pforte. Was der Befangene sieht, sind Säume nur, Der Unbefangene sieht des Geistigen Spur."

2

"SOBALD DES Schönen Schönheit rührt die Sinne Wird man zugleich des Häßlichen gewahr, Und wird am Guten man der Güte inne, Wird einem auch das Schlechte offenbar. Denn ohne Nichtsein kann es Sein nicht geben, Und ohne Schwer empfindet man kein Leicht; Gibt es kein Tief, kann sich kein Hoch erheben, Und Lang ist nur, wenn man ihm Kurz vergleicht; Der Stimme mischt gesellig sich der Ton, Vor jedem Nachher war ein Vorher schon. Drum: Wer berufen ist, wirkt durch Nicht-Handeln, Sein Wandel lehrt, nicht Worte, die er spricht; Selbst Wesen, muß er unter Wesen wandeln, Und er entzieht sich ihrem Kreise nicht. Für sich will er nichts haben, aber spendet Das, was er hat, an alle, die ihm nahn Und hat er ein Verdienstliches vollendet, Verweilt er nicht bei dem, was er getan. Und deshalb, weil er nicht dabei verweilt, Behält er alles, was ihm zugeteilt."

3

"ERHEBT NICHT, die da tüchtig sind: Dann wird kein Streit das Volk entzwein. Verschmäht, was man nur schwer gewinnt: Dann wird kein Dieb im Lande sein. Zeigt Dinge nicht, die zu Begierden treiben: Dann wird der Sinn des Volkes ruhig bleiben. Wenn ein Berufener herrscht nach altem Brauch, Macht er das Herz der Untertanen leer, Macht kräftig ihr Gebein, füllt ihren Bauch, Läßt sie nichts missen und nichts wollen mehr. Er hält sie frei von Kennen und Begehren Und die da kennen, weiß er abzuwehren. Ist alles, was er tut, daß nichts er tut. Dann ist genug getan und alles gut."

4

"DAS EINE ES IST leer und aufgefüllt Wird es nie und doch: Was auch fließt aus ihm und quillt, Es strömt über noch. Abgrund, den kein Loten mißt, Wer kann je dir nahn, Da du doch unnahbar bist Wie der Ahnen Ahn! Ohne Schärfe, ohne Glanz Hüllst du alles ein, Breitest du dich aus, um ganz Wie dein Staub zu sein. Ungesehen, ohne Ton Und doch offenbar: -­ Wem entstammt, was Urbild schon Höchstem Ahnherrn war?"

5

"ERDE UND Himmel fühlen Liebe nie: Die Myriaden Wesen sind für sie, Was ein Strohhund ist beim Opferbrauch. Der Berufene auch fühlt Liebe nie: Seines Volks Geschlechter sind ihm auch Strohhund nur, Symbol beim Opferbrauch. Zwischen Erde und Himmel der Bereich Ist er einem Blasebalg nicht gleich? ­Stetig in Bewegung bleibt er leer, Nie verarmend gibt er alles her... Da es Worte nimmermehr beschreiben, Laß es dir bewußt im Innern bleiben!"

6

"NICHT STERBEN kann des Quelltals Geist, Den ihr die Dunkle Mutter heißt. Der Dunklen Mutter Zeugungstor: Die Wurzel ist's des Himmels und der Erde. Quellendem Borne gleich bringt es hervor, Beharrend ohne Mühe und Beschwerde."

7

"DER HIMMEL bleibt, die Erde bleibt bestehen; Und wenn du fragst, warum sie nicht vergehen, Warum ist ihnen Ewigkeit gegeben?- Der Himmel bleibt, die Erde bleibt bestehen, Weil sie ihr Leben nicht sich selber leben, Darum ist ihnen Ewigkeit gegeben. Auch der Berufene setzt sein Selbst hintan: Weil er hintan es setzt, kommt er voran. Auch der Berufene gibt sein Selbst dahin; Weil er es hingibt, wird es ihm Gewinn. Weil er vermag, stets selbstlos sich zu zeigen, Kann er sein Selbst vollenden als sein Eigen."

8

"DER GANZ-GUTE ist dem Wasser gleich: Zu der Wesen Nutzen ist es da, Allen Wesen gibt es gern und reich. Fügt sich ohne Streit und wohnt bescheiden Auf den Plätzen, die die Menschen meiden. - Ist nicht, wer ihm gleicht, dem EINEN nah? Im Nehmen gut durch: Sich-beschränken, Im Sinnen gut durch: Sich-versenken, Im Geben gut durch: leicht-bedenken, Im Reden gut durch: Niemand-kränken, Im Herrschen gut durch: Schonend-lenken, Gut im Verrichten durch Geschicklichkeit, Gut im Sichregen durch die rechte Zeit. Die Bahn nur des Ganz-Guten, der nicht streitet, Ist nicht vom Neid der Anderen begleitet."

9

"EIN GEFÄSS zugleich ergreifen Und es füllen, muß mißlingen. Können prüfen wir die Klingen, Während wir zugleich sie schleifen? Niemand wird in offner Halle Gold und Jade aufbewahren. Mächtige kommen schnell zu Falle, Wenn sich Macht und Hochmut paaren. Abstehn, ehe es zu spät, Ist, was uns der Himmel rät."

10

"KANNST DU ordnen Herz und Sinne, Daß sie sich der Einheit freun, Und, wenn sie der Einheit inne, Nichts vermag, sie zu zerstreun? Kannst du allen Drang bezähmen, Daß dein Atmen ruhig ist? Kannst du deine Kräfte lähmen, Daß du wie ein Kindlein bist? Kannst du reinigen dein Schauen In die Wunder dieser Welt, Daß dein gläubiges Vertrauen Keine Schlacke mehr entstellt? Kannst du, so die Menschen lieben, So des Landes Lenker sein, Daß, von was es sei, getrieben, Niemals handelnd du greifst ein? Kannst du, wenn der Himmel wütet Und die Schleusen öffnen will, Wie ein Vögelehen, das brütet, Noch geduldig sein und still? Kannst du die Gedanken richten Innenwärts so fest und klar, Daß dir leicht wird zu verzichten Auf das Wissen ganz und gar? Also ist des EINEN Walten: Wärme spenden ohne Schein, Geben, ohne zu erhalten, Nährer, nicht Beherrscher sein!"

11

"ZUR NABE muß man dreißig Speichen fugen Durch das, was leerbleibt, wird sie brauchbar dann. Ton wird genommen und geformt zu Krügen Was leerbleibt, macht, daß man sie brauchen kann. Wer Zimmer baut, setzt Fenster, Türen ein: Der leere Raum macht brauchbar erst die Zimmer. So liegt wohl eine Nutzbarkeit im „Sein", Doch seine Brauchbarkeit im „Nicht-Sein" immer."

12

"DURCH DIE fünf Farben wird der Blick gestört, Durch die fünf Töne wird das Uhr betört, Die fünf Geschmäcke machen stumpf den Mund. Durch Jagden, Rennen wird das Blut verwirrt, Und in der Sucht nach Kostbarkeiten irrt Der Fuß vom Wege und verliert den Grund. Drum: Wer berufen ist, verschließt die Sinne Und füllt die Brust mit geistigem Gewinne."

13

""IN-GUNST-STEHN" ist: Vor etwas Angst-Empfinden, Und jede Würde plagt uns wie der Körper. - Was heißt: „In-Gunst-Stehn" ist ein Angst-Empfinden?... Die Gunst macht bange; denn sie zu erlangen, Und zu verlieren sie, erfüllt mit Bangen. Das heißt: „In-Gunst-Stehn" ist ein Angst-Empfinden. Was heißt: Die Würde plagt uns wie der Körper?... Wir haben alle Plagen nur durch ihn, Was bleibt an Plagen, wenn wir ihm entfliehn? Wer seine Würde ehrt dem Körper gleich, Ist wert, daß man ihm anvertraut das Reich; Wer eine Würde wie den Körper liebt, Wert, daß man ihm ein Amt im Reiche gibt."

14

"ERSCHAUT in allem, ist's zu sehen nicht: Weshalb sein Name ist: Unendlich Rein. Erlauscht in allem, ist's zu hören nicht; Weshalb sein Name ist: Unendlich Fein. Erfühlt in allem, ist's zu tasten nicht; Weshalb sein Name ist: Unendlich Klein. Drei Namen, die in einen einzigen münden Für das, dem jeder der drei Namen gilt, Die wir verbinden, um von ihm zu künden. Unten nicht dunkel, oben niemals licht Drängt stets es an und ist doch nicht zu nennen. Es kehrt sich um, bevor wir es erkennen, Um als ein Wesenloses zu verblassen, Gestaltlos als Gestalt, bildlos als Bild, Weil niemals scheidbar, niemals zu erfassen. Begegnend ihm sehn wir nicht sein Gesicht, Ihm folgend sehn wir seinen Rücken nicht... Doch wer vermag, sich an die Art der Alten Im Walten seines jetzigen Seins zu halten., Weiß den Beginn, weil er den Faden sieht, Der das Gewebe ewig gleich durchzieht."

15

"DIE TREFFLICHSTEN der Meister alter Zeit Verbargen sich und blieben unerkannt. Weil unerkannt sie blieben, kann ich nur Ihr Bild erspähn aus ihres Wirkens Spur Und suche, wie sie waren, zu beschreiben: Behutsam wie, wer einen Fluß Im Winter überschreiten muß; Stets wachsam wie, wer vor Gefahren Von allen Seiten sich muß wahren; Voll Rücksicht wie, wer Gast sich weiß, Nachgebend wie zerschmelzend Eis, Leer wie ein Tal, wie Rohholz schlicht. Weil so sie waren, mußten drum sie nicht Wie trübes Wasser undurchsichtig bleiben? Wer ist's, der Trübes durch Beruhigen klärt, Es so beruhigt, daß die Ruhe währt, Bis das Beruhigte sich kann beleben?... Nur, wer der Vorzeit EINEM selbst ergeben Nicht Fülle sucht und, weil er ungefüllt, Gemessen mit der Neuen Maß nichts gilt."

16

"KANNST DER Entäußerung Gipfel du ersteigen Und dich der Stille standhaft anvertraun, Dann öffnet sich der Wesen Lebensreigen, Und wie zurück sie gehen, kannst du schaun. Was tot erschien, wird neuer Werdewille, Blüht auf, kehrt sich zurück, wird wieder eins Mit seiner Wurzel. - Dieses heißt die Stille; Und Stille heißt: Erfüllung seines Seins. Und seines zugewiesenen Seins Erfüllung Heißt: Wandellos im Wandelbaren steten. Der Weise sieht es unter der Umhüllung; Wer nicht es sieht, muß in die Irre gehn Wenn du das Wandellose kannst erkennen, Bist du umfassend, - weil umfassend, mild, - Weil mild du bist, darfst du dich König nennen, Nicht König nur, - des Himmels Ebenbild."

17

"VON SEINEN großen, ersten Herrschern wußte Das Volk der Untertanen kaum die Namen. Man pries und liebte, die nach ihnen kamen. Die Herrscher, die dann folgten, aber mußte Man fürchten, und all das, was später kam, Erweckte nur Verachtung noch und Scham. Wer nicht vertraut, dem kann Vertraun nicht nahn. Wie wägten jene ersten ihre Worte! Zur rechten Zeit und an dem rechten Orte Ward ihre Tat vollbracht, ihr Werk getan. Und alle Untertanen dachten froh Und überzeugt: Wir sind von selber so! So mit dem EINEN eins kannst du nicht untergehen, Und, mag der Leib zerfallen, du wirst fortbestehen!"

18

"WENN DAS EINE kommt zu Falle, Dann beginnt das Tugend-Üben: „Deinen Nächsten sollst du lieben Und gerecht sein gegen alle!" 0, sie werden vieles wissen Und noch klüger sich gebärden! Und die Folge dann: Sie werden Große Heuchler werden müssen. Die Beziehungen der schlichten Eintracht der Familie schwinden. Und die Folge dann: Sie finden Elternliebe, Kindespflichten! Durch Verwirrung wird des Landes sichre Wohlfahrt untergraben. Und die Folge dann: Sie haben Treue des Beamtenstandes!"

19

"DAS WEISE-TUN laßt fahren, Dem Klug-Sein rennt nicht nach! Das wird das Volk bewahren Und ihm sich offenbaren Als Segen hundertfach. Laßt Nächstenliebe fahren, Verschmäht Gerechtigkeit! Und Eltern, Kinder, Brüder Sind dann in Eintracht wieder Wie in der alten feit. Laßt die Gewandtheit fahren, Geht auf Gewinn nicht aus! Das wird die Wege säubern Von Dieben und von Räubern Und sichern euer Haus. Den schönen Schein laßt fahren' Bewahrt, was echt allein: Im Wünschen sich bescheiden. Sich schlicht in Einfalt kleiden, Selbstlos und lauter sein!"

20

"LASST DIE Lernbegierde fahren, Das wird euch viel Leid ersparen!... Der sagt: Ja!" und der: „Schon recht!" Wie gar wenig sich die beiden In der Antwort unterscheiden! Aber zwischen „Gut" und "Schlecht" Welcher Abgrund zwischen beiden! „Das, woran sich alle binden, Mußt auch da als Zwang empfinden!"... Solch ein Unkraut! Aus dem Boden Nie und nimmer auszuroden! Alle strahlen vor Vergnügen, Wie, wer schmaust beim Opferfest, Wie, wer einen Turm erstiegen Und die Blicke schweifen läßt. Ich allein ward des nicht inne, Halte wie ein Kindlein an, Das nicht einmal lächeln kann, Schwanke noch mit stumpfem Sinne Absichtslos umher und matt Wie, wer keine Heimat hat. Alle sind im Überflusse, Ich allein bin gänzlich leer, Bin mir selber zum Verdrusse Und im Kopfe wirr und quer. Alle sind in Glanz und Helle, Ich im Trüben immerdar. Alle andern sind so klar. Ich trübseliger Geselle Treibe wie im Sturm die Welle Ziellos, jedes Haltes bar. Zu gebrauchen sind sie alle, Ich allein in keinem Falle, Ich ein Nichts-Nutz ganz und gar. Ja, was alle andern haben, Davon ist mir nichts gewährt: Doch ich ehre treu die Gaben Der Allmutter, die mich nährt."

21

"WO URKRAFT sich als Schöpfung offenbart, Strömt aus dem EINEN sie, ist seiner Art. Das ist des EINEN Wesenheit, die nie Den Sinnen greifbar ist, noch festzuhalten. Nie festzuhalten, zu begreifen nie, Trägt es in sich das Urbild der Gestalten: Nie zu begreifen, festzuhalten nie, In sich den Urstoff jedes Dings, das wird: Ganz schattenhaft, in Dunkel eingehüllt, In sich den Urgeist, der sich unbeirrt Als alles ordnende Vernunft erfüllt; In sich der Treue Zuverlässigkeit... Sein Name lebt seit Anbeginn der Zeit In aller Dinge Namen, weil es sie Das, was sie jedes wurden, werden hieß. Daß dies der Anfang, wie ist wißbar dies? Durch dieses nur und ohne dieses nie."

22

""WAS HALB ist, werde ganz gemacht, Was krumm ist, ausgerichtet, Verfehltes auf den Weg gebracht, Unebenes geschlichtet! So wird mit Wenigem Viel getan. Zu-Viel-Tun richtet Unheil an!" Wenn wahr dies Wort, dann kann allein Hier Vorbild der Vollkommene sein, Der licht wird, weil er selbst nicht strahlt, Gepriesen wird, weil er nicht prahlt, Der hochsteht, weil er sich nicht hebt, Des Werk gelingt, weil er nicht strebt. Er streitet nicht, und darum findet Er keinen, der ihn überwindet. "Was halb ist, werde ganz gemacht...!" Kein leeres Wort! Wer es erdacht, Der öffnete die Tore weit Der Rückkehr zur Vollkommenheit"

23

"SEINEN WORTEN Zaum anlegen Lehrt das Beispiel der Natur; Währt doch ein Gewitterregen Eines Morgens Bruchteil nur. Eines Wirbelsturmes Kreisen Dauert keinen halben Tag: Und der Mensch will mehr beweisen, Als Natur beweisen mag? Wer nach EINEM strebt, gesellt sich Denen, die sich EINEM weihn, Wer nach Tugend strebt, der stellt sich Bei den Tugendhaften ein, Und Zu den Verirrten hält sich, Wer ein Irrender will sein. Alle werden aufgenommen Und mit Freudigkeit begrüßt: Die zu IHM, zur Tugend kommen, Die der Irrtum nicht verdrießt. Eines gilt in jedem Falle: Der gewinnt Vertrauen nicht Trotz dem größten Redeschwalle - Dem es an Vertraun gebricht."

24

"WER SICH hinstellt auf die Zehen, Niemals standfest stehen kann; Wer die Beine spreizt beim Gehen, Kommt nicht ordentlich voran; Wer sich spiegelt, hat kein Licht, Wer sich abwägt, kein Gewicht, Kein Verdienst, wer davon spricht, Wer sich reckt, hat Größe nicht. Ekler Abhub nur der Speise Ist dem EINEN solche Art, Und vor ihr bleibt nur der Weise, Der das EINE ehrt, bewahrt."

25

"ES GIBT ein Wesen, das war immerdar, Bevor der Himmel und die Erde waren. Wie unbegreiflich in Vollkommenheit, Wie still es ist! Wie übersinnlich klar! In nie sich wandelnder Beharrlichkeit Durchdringt es alles, weiß nichts von Gefahren. Soll ich es Mutter aller Dinge nennen? Wie kann ich nennen, was wir nicht erkennen? Ich sage EINES, weil es namenlos. Ich sage von ihm kündend: Es ist „groß". „Groß sage ich und meine sein "Entgleiten". „Entgleitend" heißt: Es ist „in allen Weiten". „In allen Weiten" sagend meine ich: „Es wendet sich und kehrt zurück in sich". Weil groß das EINE, ist der Himmel groß, Ist groß die Erde, ist der König groß. So gibt es in der Welt vier Große bloß, Und ihrer einer ist der König groß. Er muß sich an der Erde Vorbild halten. Der Erde Vorbild ist des Himmels Art. Des Himmels Vorbild ist des EINEN Walten, Das selbst sich Vorbild ist und treu es wahrt."

26

"DAS LEICHTE wird vom Schwereren getragen, Die Stille ist der Unrast überlegen. Drum wahrt der Würdige auf allen Wegen Gemeßnen Ernst und bleibt beim Bürdewagen. Gelassen zieht er in Paläste ein, Gelassen auch verläßt er die Paläste. Er schaut wie eine Schwalbe aus dem Neste Auf aller Herrlichkeiten eitlen Schein. Wie dürfte Er, in dem Myriaden ihren Gebieter sehn, in anderm sich gefallen? - Nimmt Schweres leicht er, wird er die Vasallen, Ist rastlos er, wird er das Reich verlieren."

27

"EIN GUTER Wanderer braucht auf seinen Wegen Nicht Spuren, die ein Andrer hinterlassen; Ein guter Redner braucht kein Überlegen, Um sich der Redelehre anzupassen; Ein guter Rechner braucht nicht auf den Stegen Des Rechenknechtes hin und her zu fassen; Ein guter Schließer schließt geschickt und fest, Auch ohne Schluß und Riegel anzubringen; Ein guter Binder braucht kein Knotenschlingen Und bindet so, daß nichts sich lösen läßt. So weiß der Gute hilfreich beizustehen Mit dem, woran den andern es gebricht, Und keinen läßt er unbegnadet gehen. Das nennt man: Leuchten durch sein eignes Licht. Der Gute soll den Noch-nicht-Guten lehren, Der Noch-nicht-Gute ist des Guten Schatz. Wer seinen Lehrer nicht vermag zu ehren, Wer nicht vermag zu lieben seinen Schatz, Der ist, wie klug er immer sei, verblendet. Wer es vermag, der ist am rechten Platz Und heilender Erkenntnis zugewendet."

28

"WAS VOM Manne in dir, Mußt du wissen, Was vom Weibe in dir, Niemals missen! So wirst du zum Strombett der Welt. Wen die Welt zum Strombett gewinnt, Von dem wird das EINE nicht weichen. Er kehrt sich zurück, um zu gleichen Dem eben geborenen Kind. Was hell in dir ist Mußt du wissen. Was dunkel in dir Niemals missen! So wirst du zum Vorbild der Welt. Wer der Welt ein Vorbild kann sein. Den wird das EINE geleiten Zurück in den Baugrund der Zeiten Vor Zeugen und Werden hinein. Was groß in dir ist, Mußt du wissen. Was klein in dir ist, Niemals missen! So wirst du zum Tale der Welt. Wer der Welt sich hingibt als Tal, Dem wird dieses EINE genügen, Er weiß sich in Einfalt zu fügen Und kennt weder Anspruch noch Wahl. Wie die Alten schon gelehrt: Rohholz ist, wenn man es schneidet, Nur als Werkzeug zu verwenden. Aber in des Weisen Händen - Weil er jedes Schneiden meidet - Hat es edlen Eigenwert."

29

"WIE KÄME je ans Ziel, wer sich vermäße Die Welt zu zwingen in Gewalt und Bann? Sie, wurde zu dem geistigen Gefäße Das man nicht greifen, nicht behandeln kann. Wer nach ihr greift, dem wird sie nie gehören, Wer sie behandeln will, wird sie zerstören. Denn dieses von den Wesen eilt geschwinde, Und jenes schleppt sich mühsam hintennach; Dies atmet feurig, jenes kühl und linde, Stark ist das eine und das andre schwach. Die einen segeln über alle Wellen, Die andern kippen um gleich und zerschellen. Drum, wer berufen ist, trägt kein Begehr Nach allem, was zu groß, zu hoch, zu sehr."

30

"WER EINES ehrt und seinen Beistand leiht Dem Herrscher über Menschen, wird nicht wagen Zu vergewaltigen; mit Sicherheit Pflegt solches Wagnis ja zurückzuschlagen. Wo Heere lagern, reift der Disteln Saat, Notjahre folgen Jahren großer Kriege. Der Gute leiht zum Siege seinen Rat, Ist er errungen, bleibt er stehn beim Siege. Der Gute siegt, doch keine Siegeslust Verleitet ihn, auf seinen Sieg zu pochen. Er hat gekämpft, nur weil er so gemußt, Und siegen wollte er, nicht unterjochen.... Wer stark geworden, altert vor der Zeit. Des EINEN bar, das gegen Altern feit, Ist er von seinem Ende nicht mehr weit."

31

"AUCH DIE schönsten Waffen dienen Letzten Endes nur dem Bösen, Sind verhaßt bei allen Wesen, Und der Weise scheut vor ihnen. Friedlich lebend in der Stille Schätzt die Linke er. Die Rechte Schätzt er, wenn sie zum Gefechte Zwang bewaffnet, nicht sein Wille. Muß er sich dem Zwange fügen, Wird er nur auf eines sinnen: Neuen Frieden zu gewinnen. Siegt er, wird er trauernd siegen. Wem die Siege Freude bringen, Dem bringt Freude das Vernichten. Durch Vernichten aufzurichten, Kann ja nimmermehr gelingen. Gut und Trägerin des Glückes Ist die Linke, und die Rechte, Die bewehrte, ist die schlechte Trägerin des Mißgeschickes. Rechts ist drum der angestammte Platz des Führers. Dem Geleite Weist man an die linke Seite, Ganz so wie beim Totenamte. Sind Gefallene keine Toten? - Wer als Sieger bleibt, beweine Sie mit Tränen und erscheine Nach des Rituals Geboten."

32

"KEIN NAME ist dem EINEN beigegeben: Und doch, so anspruchslos es auch und schlicht in seiner Einfalt ist, die Welt wagt nicht, Sich gegen seine Einfalt zu erheben. Vermöchten Fürsten Gleiches zu bewähren, Dann würden alle Wesen huldigend nahn, Das ganze Weltall würde ihre Bahn Mit seines Segens süßem Tau verklären, Rechtschaffen würde jeder Untertan, Auch ohne daß Gebote nötig wären. Wenn aus dem Urstand treten die Gestalten, Dann wird benannt, was Namenloses war. Sind Namen da, dann heißt es: Innehalten! Wer innehalten kann, läuft nicht Gefahr. - Wo sich das EINE offenbart auf Erden, Gleicht Bächen es, die Ströme, Meere werden."

33

"WER ANDRE kennt, wird klug genannt, Erleuchtet, wer sich selbst erkannt. Wer Andre zwingt, muß Stärke zeigen, Wer sich zwingt, dem ist Kraft zu eigen. Wer sich begnügt, hat immer viel. Wer seine Bahn hält, kommt ans Ziel. Wer seinen Platz bewahrt, gedeiht, Wer stirbt und bleibt, lebt in der Ewigkeit."

34

"WIE DIESES EINE in Allgegenwart Rings überströmt, damit es ohne Ende Den Wesen allen Lebensfülle spende! Da ist kein Wesen, das vergebens harrt, Daß auch zu ihm sich seine Fülle wende. Was es vollbringt, das nennt es niemals sein. Sein Walten ist zu lieben und zu nähren, Nicht zu der Wesen Herrn sich zu erklären. Es trägt nach nichts Begehr. Drum ist es „klein". Und weil sich alle Wesen zu ihm kehren, Und doch es nicht den Herrn spielt, ist es „groß". Auch der Berufne, weil er anspruchslos Sein großes Werk vollbringt, ist „klein" und "groß"."

35

"WER DIESES EINEN Vorbild ehrt, Wird wohl von aller Welt begehrt? - Bei ihm ist Klage nicht, noch Leid, Nur fröhliche Zufriedenheit. O, weitgefehlt! - Man bleibt wohl stehn, Wo eines Bratens Düfte wehn, Wo liebliche Musik erklingt. Doch, wo von IHM man Kunde bringt: „Wie abgeschmackt! Wie würzeleer! Davon wird Ohr und Blick nicht satt!" - Und dennoch, wer es ehrt und hat, Weiß, daß er dauernd hat und mehr."

36

"WAS SICH nicht gedehnt vorher, Kann sich nicht zusammenziehen. Nichts wird schwächer, dem vorher Keine Stärke angediehen. Nichts kann fallen, das vorher Keinen Aufstieg unternommen, Und was nicht erlangt vorher, Kann auch nicht abhanden kommen. So hat, was nur Ahnen war, hier Bestätigung gefunden: Weich und Schwach siegt immerdar, Hart und Stark wird überwunden. Wird der Fisch der weichen Hut Der Gewässer je entsteigen? - Auch des Krieges scharfes Gut Darf sich nicht im Reiche zeigen."

37

"IST DAS EINE ohne Handeln Auch, es läßt nichts ungetan. Folgten Fürsten seiner Bahn, Würde jeder Untertan Ganz von selber sich verwandeln. Wenn dann die durch weises Walten Ihres Fürsten schon Bekehrten Jemals wieder aufbegehrten: Mit dem EINEN, unbewehrten, Würde ich sie niederhalten. Sein Gewähren und Verzichten Bringt Begehrenslosigkeit; Diese bringt der Einfachheit Ruhe; Ruhe macht bereit, Sich gefügig einzurichten."

38

"DIE HOHE Tugend nennt sich Tugend nie; So ist sie Tugend. Doch die niedre Tugend Läßt nicht von Tugend ab; und so ist sie, Ob sie sich Tugend nennt auch, keine Tugend. Die hohe Tugend tut nicht, und ums Tun Geht es ihr nicht. Jedoch die niedre Tugend, Sie tut und tut; ihr geht es nur ums Tun. Die Güte tut; ihr geht es nicht ums Tun. Gerechtigkeit tut auch; ihr gehts ums Tun. Und Schicklichkeit? Sie tut und sie erzwingt Erhobenen Armes, was nicht gleich gelingt. Zerfiel das EINE, bleibt die Tugend noch; Zerfiel die Tugend, bleibt die Güte noch; Ging sie verloren, bleibt Gerechtigkeit; Ging sie verloren, bleibt die Schicklichkeit, Die Schicklichkeit, die nur das äußre Kleid Der Treue ist und der Rechtschaffenheit Und stets der bösesten Verwirrung Herd. Grundsätze für ein schickliches Gebahren Sind Blüten, die das EINE auch beschert, Doch können sie vor Torheit nicht bewahren. Das weiß der wahrhaft Weise. Darum sucht Er nicht die Schale, sondern sucht den Kern. Er sucht die Blüte nicht, er sucht die Frucht Und bleibt dem Nahen nah, dem Fernen fern."

39

"WEM EINHEIT ward, dem ward Vollkommenheit: Dem Himmel ward durch Einheit seine Helle, Durch sie der Erde ihre Stetigkeit, Durch sie den Geistern ihre Wachsamkeit, Durch sie den Wasserläufen ihre Quelle, Durch sie den Wesen das, wodurch sie leben, Und wäre sie den Königen nicht verliehn, Wie könnten sie zum Richtmaß sich erheben? Wo triebe jedes ohne Einheit hin? Der Himmel müßte bersten ohne Helle, Die Erde wanken ohne Stetigkeit, Der Geist zerflattern ohne Wachsamkeit, Der Wasserlauf versiegen ohne Quelle, Verderben jedes Wesen ohne Leben, Und ständen Könige nicht über allen Und wären Maßstab nicht, sie müßten fallen. So muß des Hohen Grund das Niedre sein, Das Edle im Geringen Wurzel schlagen. Wie treffend drum, wenn Könige von sich sagen: "Unwürdig", "Wenigkeit", "Verwaist" und „Klein"! Das heißt wohl: Im Geringen Wurzel schlagen. Des Wagens Einzelteile sind kein Wagen. - Wer nach der Geltung des Nephrits nicht trachtet, Wird einem rohen Feldstein gleichgeachtet."

40

"DES EINEN Fortgang ist ein Rückwärtsgehen Und Ohne-Kraft-Sein seines Wirkens Art: Wie alle Wesen zwar im "Sein" entstehen Doch jedes "Sein" aus einem "Nicht-Sein" ward."

41

"DER Ganz-Verständige, wenn er vernimmt Des EINEN Botschaft, horcht, und er bestimmt Nach seinem Vorbilde fortan sein Leben; Der Halb-Verständige, wenn er erfährt Des EINEN Botschaft stutzt, und er erklärt Sich für das EINE, - um es aufzugeben; Der Unverständige, wird ihm gebracht Des EINEN Botschaft, lacht. - Wenn er nicht lacht, Ist es des EINEN Botschaft nicht gewesen. In einem alten Spruche ist zu lesen: "Wer licht durch EINES, muß im Dunkel stehn, Wen es voranbringt, muß sich rückwärts drehn, Wen es gesund macht, muß als Krüppel gehn. Denn: Höchste Tugend scheint ein leeres Tal, Der höchsten Reinheit Glanz scheint grau und fahl, Der reichsten Tugend Fülle arm und kahl. Wer in der Tugend feststeht, scheint zu schwanken. Wer an der Treue festhält, scheint zu wanken: Ein großes Viereck, dem die Ecken fehlen, Ein großer Bau, halbfertig und schon alt, Ein großer Klang, der ohne Ton verhallt, Ein grelles Bild, Gestalten zu verhehlen." Ein namenloses, ein verkanntes Wesen Ist dieses EINE, - doch wie reich im Spenden, Nie unermeßlich mnachtvoll im Vollenden!"

42

"EINHEIT, die aus EINEM stammt, Zeugt die Zweiheit, und die Zweiheit Zeugt die Dreiheit,und die Dreiheit Zeugt die Wesen allesamt. So ist ihnen mitgegeben Stoff als Dasein, Kraft als Leben, Geist als Maß, Vernunft und Freiheit. Was man scheut: als niedre Knechte, Als Verwaiste dazustehn, Haben Könige als rechte Titel für sich ausersehn. Andre sagten schon:„ Die Wesen, Sie gewinnen durch Verlieren, Was gewinnend sie verlieren." Was wir hier bei andern lesen, Ganz dasselbe will ich lehren: „Die durch Starrsinn Macht erwerben, Werden ihren Tod nicht sterben!"- Solche Worte will ich ehren."

43

"ALLERWEICHESTEM gelingt, Härtestes zu überwinden; Das Nicht-Seiende durchdringt, Ohne Zwischenraum zu finden. Hat das Nicht-Tun nicht den gleichen Vorteil? - Doch, nicht redend lehren, Sich vom Tun zum Nicht-Tun kehren, Wenige sind, die es erreichen."

44

"WAS AS IST näher dir? Du selbst? - Des Namens Ruhm? Was steht höher dir? Du selbst? - Dein Eigentum? Was wiegt mehr? Gewinn? -- Verlust? Immer bleibe dir bewußt: Wer liebt zu heiß, Zahlt hohen Preis; Wer viel häuft auf, Nimmt viel in Kauf; Genügsamkeit Bewahrt vor Neid; Wer halten kann Zur rechten Zeit, Der stößt nicht an Und dauert fort in Stetigkeit."

45

"WER RECHT vollendet, scheint wie krüppelhaft, Doch unermeßlich weit wirkt seine Kraft; Wer recht erfüllt ist, scheint wie gänzlich leer, Doch unerschöpflich gibt er Fülle her; Der recht Gerade scheint ein gänzlich Krummer, Der recht Befähigte ein gänzlich Dummer, Der recht Beredte stammelt wie ein Stummer. Wohl kann man Kälte durch Bewegung lindern, Die Hitze aber nur durch Stille mindern. Das Reine nur und Stille kann auf Erden Zum Heil gedeihen und zum Richtmaß werden."

46

"HERRSCHT EINES im Reiche, dann pflügt mit den Pferden Sein Feld man und weiß ihren Dünger zu schätzen Ging EINES verloren im Reiche, dann werden Die Fohlen geboren auf heimfernen Plätzen. Das größte Versäumnis. Gelüsten nicht wehren, Das größte Verhängnis: Zu Vieles entbehren, Das größte Verbrechen: Eroberung begehren Wer den Reichtum bewahrt der Genügsamkeit, Rat reichlich genug bis ans Ende der Zeit."

47

"DU BRAUCHST nicht aus der Tür zu gehn Und kannst die Menschenwelt verstehn; Du brauchst durchs Fenster nicht zu sehn Und kannst des Himmels Weg verstehn. Je mehr du in die Ferne schweifst, Je weniger ist, was du begreifst. Der Weise läßt's dabei bewenden Geht nicht hinaus und kann erkennen, Späht nicht hinaus und kann benennen, Greift niemals ein und kann vollenden."

48

"WER NACH Wissensfälle strebt, Täglich füllt und täglich mehrt; Doch, wer treu dem EINEN lebt, Täglich mindert er und leert. Täglich mindert er und leert, Bis er ganz ins Nicht-Tun kehrt, Nicht mehr eingreift, nicht treibt an, Und doch nichts läßt ungetan. Wer so Herr das Reiches ward, Hat des Herrschers rechte Art. Wem des Nicht-Tuns Kraft gebricht, Taugt zum Herrn des Reiches nicht."

49

"WER BERUFEN ist, vergißt Seines eignen Herzens Enge; Statt des eignen Herzens ist Herz für ihn das Herz der Menge. Wie ich gut zu Guten bin, Bin ich gut auch zu den Schlechten; Denn das ist der Güte Sinn, Über Güte nicht zu rechten. Wie ich treu den Treuen bin, Bin ich treu den Ungetreuen Denn das ist der Treue Sinn, Treue niemals zu bereuen. Wer berufen ist, hält still Sich zurück, daß er nicht irre, Stets besorgt, daß in der Welt Wirrnis sich sein Herz verwirre. Während alle ungestüm Ihn zu sehn und hören trachten, Sind sie alle Kinder ihm Und wie Kinder scheu zu achten."

50

"TRITT DER Mensch hinaus zum Leben, Tritt er auch zum Sterben ein, - Dreizehn Stellen sind dem Leben Als Gesellen beigegeben - Glieder vier und Tore neun - Und die gleichen dreizehn Stellen Werden auch des Tods Gesellen. - Um des Lebens willen regt Selbst der Mensch die dreizehn Stellen Und vergißt, daß die Gesellen Er zugleich des Tods bewegt. Übermaß des Lebens wollen, Heißt: Tribut dem Tode zollen. Wer das Maß bewahren kann Seines Lebens, der durchschweift Alle Lande, und ihn greift Nashorn nicht noch Tiger an. Ohne Waffe, ohne Wehr Geht er ruhig durch ein Heer. Denn das Nashorn findet nichts, Um sein Horn darin zu wetzen, Und der Tiger findet nichts, Was die Tatze kann zerfetzen, Und die Waffe findet nichts, Was die Schneide kann verletzen. - Und warum? - Er weiß, nichts nimmt Mehr ihm, als was ihm bestimmt."

51

"DURCH DAS EINE wird erzeugt Alles, alles auch erhalten. Ohne seines Wesens Art Kann kein Wesen sich gestalten. Ohne seines Wirkens Kraft Kann kein Wesen sich vollenden: Wird sich jedes Wesen nicht In Verehrung zu ihm wenden? Kein Gebot macht es zur Pflicht, Ohne "Müssen", ohne „Sollen" Wird ihm jedes folgen wollen. Also überlaßt es ihm: Zu erzeugen, zu erhalten, Großzuziehen, zu umhegen, Auszubilden, zu gestalten, Zu ernähren und zu pflegen, Beizustehn, daß alles sich Zur Vollendung kann entfalten! So ist seine - Wundermacht: Schaffend, doch für sich nicht nützend, Auf Vollbrachtes sich nicht stützend, Nicht beherrschend, nur beschützend, Was es auf den Weg gebracht."

52

"WAS DER URGRUND ist der Welt, Ist auch Mutter aller Wesen. - Wer zurück zur Mutter findet, Seine Kindschaft zu erkennen, - Wer die Kindschaft kann erkennen Und zurück zur Mutter findet, Leidet, wenn der Leib zerfällt, Weder Kummer noch Gefahr. „Seine Tore schließt er dicht..." Und darf ohne Sorge bleiben. Die da handeln und betreiben, Halten ihre Tore offen. Darum, wenn der Leib zerbricht, Können sie nicht Rettung hoffen... Wer das Kleine sieht, wird klar, Wer die Weichheit wahrt, wird fest. Bist du fest und bist du klar, Bringt dir deines Leibs Verderben Weder Kummer noch Gefahr, Weil du nichts hienieden läßt, Um die Ewigkeit zu erben."

53

"„WIR KONNTEN da uns Einsicht ward, Uns selbst dem EINEN zwar ergeben, Doch geht's nicht an, des Volkes Art Auf solche Höhe zu erheben. Des EINEN Weg ist glatt und gerade, Das Volk bevorzugt krumme Pfade"... ...Wo prunkende Paläste ragen, Die Felder aber Disteln tragen Und keine Ernte eingebracht, - Wo ihr einhergeht in Gepränge Verschwenderischer Kleiderpracht, Das scharfe Schwert im Wehrgehänge, - Wo ihr verfeinert Trank und Speise Und Schätze häuft auf jede Weise. Da werden nur die Räuber groß, Das EINE bleibt da heimatlos."

54

"WAS GUT du pflanztest, wird nicht ausgerissen, Was gut du wahrtest, das kann nicht entgehn: In Kindern, Enkeln wird es fortbestehn, Sie werden ehren es und Dank dir wissen. Dich selbst erst richte nach IHM ein, Damit du standhaft wirst und fest Dein Haus dann richte nach IHM ein, Und auch die Deinen werden recht; Den Ort dann richte nach IHM ein, Und willig fügt sich ihm der Ort; Das Land dann richte nach IHM ein, Und durch dein Land pflanzt es sich fort; Das Reich dann richte nach IHM ein, Und bald wird es in allen sein. Prüfst andre du, geh von dir selber aus, Und für ein Haus sei Prüfstein dir dein Haus Für einen Ort dein Ort und für ein Land dein Land Und für das Reich das Reich in deiner Hand! Und so erkennen wir des Reiches Art An seinem Herrscher, der sie offenbart."

55

"WEM DES EINEN Fülle ward, Hat des zarten Kindleins Art: Niemals wird es angefallen Von des Raubtiers scharfem Zahn, Von des Geiers spitzen Krallen! Keine giftigen Schlangen nahn Einem Kindlein. Seine Sehnen Sind noch weich, noch dünn die Knochen, Und doch kann's die Fäustchen ballen; Weiß noch nicht, daß Weib und Mann Sich bestimmt sind, und doch kann Es sich recken schon und dehnen Denn ihm ward des Samens Fülle. Und wenn Tag und Nacht es schreit, Spürt es keine Heiserkeit Denn ihm ward des Einklangs Fülle. Den Einklang kennen, das heißt ewig sein Das Ewige kennen, das heißt weise sein. Mit Unrecht wird ein Glücklicher genannt, Wer seines Lebens Fülle überspannt. Wer seine Seelenkraft, sein Lebensmark Für seine Triebe einsetzt, wird zwar stark Jedoch, was stark wird, altert vor der Zeit, Des EINEN bar, das gegen Altern feit, Ist es von seinem Ende nicht mehr weit,"

56

"REDEN IST Verstehen nicht; Wer verstanden hat, der schweigt, Schließt die Tore fest und dicht, Wie des EINEN Vorbild zeigt: Ohne Schärfe, ohne Glanz Hüllt es alles ein, Breitet es sich aus, um ganz Wie sein Staub zu sein. Das ist: Die Geborgenheit Der Besinnung. - Wem sie wird, Bleibt von jeder Freundlichkeit, Jeder Bosheit unbeirrt, Wird nicht durch Gewinn verführt, Nicht gestört durch Ungemach, Bleibt von Ehren unberührt, Unberührt auch von der Schmach, Wird der Vornehmste auf Erden Und gelobt von allen werden."

57

"EIN STAATSLENKER braucht Redlichkeit, Ein Waffenheld braucht arge List, Des Reiches Herr Gelassenheit. - Woher ich weiß, daß dies so ist? Zu Tun und Unterlassen zwingen Verdrießt das Volk und macht es arm. Die scharfen Kriegsgeräte bringen Des Zwistes und des Aufruhrs Harm. Mit Klugheit und Geschicklichkeiten Gedeiht der heuchlerische Schein. Mit Vielbefehlen, Vielbestreiten Lädt Diebe man und Räuber ein. „Ich laß gewähren", sagt der Weise, „So wird das Volk von selber gut. Ich achte seine stillen Kreise: So wird's von selber wohlgemut. Ich kann den Überfluß entbehren: So wird das Volk von selber reich. Ich selber kenne kein Begehren: So wird es mir an Schlichtheit gleich."

58

"WER IM HERRSCHEN lässig bleibt, Wahrt des Volkes Zucht und Segen. Wer herumspäht, hemmt und treibt, Bringt es dem Verfall entgegen. Wie das Glück im Unglück reift, Lauert Unglück in dem Glücke. Wer die Wahrheit recht begreift, Hütet sich vor seiner Tücke. Wenn der Herrscher selber irrt, Wird's nur Schelme, Heuchler geben, Und aus der Verblendung wird Sich das Volk sehr spät erheben. Drum ist echte Herrscherkunst: Gerade ohne Winkelzüge, Billig ohne Groll und Gunst, Leuchtend ohne Glanz und Lüge."

59

"WER HERRSCHEN will als rechter Himmelssohn, Muß sparsam sein. Er muß beizeiten schon Mit weislicher Voraussicht Sorge tragen. Wer zeitig sorgt, mehrt seines Wohltuns Lohn, Und wer den Lohn des Wohltuns mehrt, der weicht Vor nichts zurück, kann alles überwinden. Wer alles überwinden kann, erreicht Des Wirkens Gipfel. Niemand weiß zu sagen, Wo seine Möglichkeiten Grenzen finden. Daß niemand es zu sagen weiß, verschafft ihm den gefestigten Besitz des Landes Und mit des Landes mütterlicher Kraft Die Sicherheit des dauernden Bestandes. Das heißt tief wurzeln, fest gegründet stehn, lm Zeitlichen die Bahn des Ewigen gehn!"

60

"LENKEN EIN großes Land ist: Kleine Fische braten Bleibt, wer die Welt regiert, von IHM beraten, Dann können Tote nicht zu Geistern werden. Nicht, daß die Toten nicht zu Geistern würden: Als Geister tun sie Menschen Leid nicht an, Und auch die Heiligkeit der Heiligen dann Vermag den Menschen Leid nicht aufzubürden. Einander tun sich beide Leid nicht an, - Und beider Tugend wirkt zum Heil auf Erden."

61

"EIN GROSSES Land, das still sich unten hält, Wird so zum Bande, das ein Reich verbindet. Es gleicht dem Weibe, das sich unterordnet Und Mannes-Kraft durch Stille überwindet. Das große Land gewinnt das kleine Land, Indem es sich ihm dienend unterstellt. Indem es sich ihm dienend unterstellt, Gewinnt das kleine Land das große Land. So wird gewonnen und gewinnt zugleich Eins wie das andre, und so wird das Reich. Wenn dann das große Land nichts weiter wünscht, Als Menschen zu verbinden und zu nähren, Und wenn das kleine Land nichts weiter wünscht, Als sich im Ganzen dienend zu bewähren, Wird, wie sie wünschen, sich ihr Los gestalten... Jedoch das große muß sich unten halten!"

62

"DAS EINE bietet jedem eine Stätte, Dem Guten, der als besten Schatz es ehrt, Und dem Nicht-Guten auch, den es belehrt, Wie er sich wandle und zu IHM sich rette. Ein freundlich Wort erreicht gar viel im Leben, Im Wandel Vorbild sein, erreicht noch mehr. Mit welchem Rechte dürfen wir daher Die Noch-nicht-Guten je verloren geben? Drum ist ein Kaiser, - sind, die ihn beraten. Durch ihre Jadetafeln hört er an Die Worte ihres Rats. Sein Viergespann Trägt ihn im Fluge durch des Reiches Staaten. Doch mehr als durch Beratungen und Reisen Gewinnt er, wenn er sich dem EINEN weiht, Es reifen läßt in der Verborgenheit, Um es zum Heile aller zu beweisen. Weshalb die Alten es gepriesen haben? Weil, wer es täglich sucht, es finden kann, Weil Schuldigen es Schuld nicht rechnet an, Und drum die beste ist von allen Gaben."

63

"DEIN TUN sei wie ein Nicht-Tun, dein Verrichten Wie Nicht-Verrichten, und wie ein Verzichten Sei dein Genießen! - Laß dein Großes klein Und laß dein Vieles wenig nur dir sein! Auch Feinde schließe in dein Wohltun ein! Faß an das Schwere, wo's ein Leichtes ist, Und tu das Große, wo 's ein Kleines ist! So ist es in der Welt mit allen Dingen: Das Schwere muß aus Leichtem stets entspringen, Das Große aus der Wurzel des Geringen. Weil nie der Weise auf das Große sinnt, Kann er in seiner Größe sich vollenden. Wer leichthin zusagt, wird, was er beginnt, Nur selten und mit Schwierigkeit beenden, Wer alles leichtnimmt, Zeit und Kraft verschwenden. Drum nimmt der Weise niemals etwas leicht, Und weil er Schweres weiß zu überwinden Da, wo es noch ein Leichtes ist, erreicht Er Schwerstes, ohne Schwierigkeit zu finden."

64

"WAS NOCH in Ruhe ist, ist leicht zu halten, Was noch nicht deutlich ist, leicht zu gestalten, Was noch nicht kräftig ist, leicht zu zerspalten, Und was noch winzig ist, leicht auszuschalten: Auf das, was noch nicht da ist, wirke ein! Laß, was du ordnest, unverwirrt noch sein! Das Wachstum des gewaltigen Baums begann Aus kleinstem Sproß; der Turm, der himmelan Jetzt strebt, stieg auf aus einer Handvoll Erde; Und mit dem ersten Schritt, den du getan, Begann des Tausendmeilenwegs Beschwerde. Wer immer eingreift, der macht viel zuschanden, Wer immer festhält, dem kommt viel abhanden Der Wahrhaft-Weise hat dies wohl verstanden, Der nichts verdirbt, weil er gewähren läßt, Der nichts verliert, -weil er an nichts hält fest. Weshalb der Vielen Werk so oft mißlingt, Das sie verderben kurz vor dem Vollenden? - Weil das Beginnen sie zur Vorsicht zwingt, Die sie vergessen haben beim Beenden. Der Weise drum begehrt, nichts zu begehren, Und schwer Erworbenes kann er leicht entbehren. Er lernt Nicht-Lernen und weiß umzukehren, Wo andre weiterschreiten ohne Halten. Er gönnt den Wesen, frei sich zu entfalten, Und greift nicht ein mit Drängen und Verwehren."

65

"WIE GUT verstanden es die Alten, Sich in dem EINEN zu bewähren, Das Volk in Einfalt zu erhalten, Es nicht belehrend aufzuklären! Ein überkluges Volk treibt immer Zuchtloser Auflehnung entgegen. Wer klug ein Volk macht, macht es schlimmer, Wer davon abläßt, bringt ihm Segen. Dies wissen heißt: die starken Stützen lies Glückes alter Zeit begreifen. Es nicht verleugnen 'sondern nützen Beißt: zu der tiefsten Einsicht reifen. Tiefgründig ist sie, widersprechend Gewohnter Art, schwer zu erringen;, Doch jedes Vorurteil durchbrechend Wird endlich sie den Sieg erzwingen."

66

"WOHER ES kommt, daß Strom und Meer Die Könige über Flüssen Und Bächen sind? - Das kommt daher, Weil unten bleiben Strom und Meer Und Flüsse, Bäche sich daher Zu ihnen fügen müssen, Ist ein Berufner ausersehn, Daß er die Andern leite, Wird er im Wort tief unten stehn Und hinter dem Geringsten gehn ; Denn so allein kann es geschehn. Daß er als Erster schreite. Drum fühlt das Volk sich nicht beschwert, Durch des Berufnen Steigen. Weil niemand ist, den er versehrt, Wird ihm der Vorrang nicht verwehrt. Froh fügt sich alles und begehrt, Gefolgschaft zu bezeigen."

67

"MAN PFLEGT MICH „Großen Sonderling" zu nennen. - Ist man in etwas groß, was es auch sei, Gleich legt man einem diesen Namen bei. Des Hergebrachten kleines Einerlei Ist ja das Einzige, das die Vielen kennen. Ich hüte meine köstlichen drei Schätze Mein erster ist, daß ich barmherzig bin, Mein zweiter ist, daß ich genügsam bin, Mein dritter, daß ich ohne Ehrgeiz bin Und gern verzichte auf die hohen Plätze. Wer da barmherzig ist, darf kühn sich zeigen, Wer da genügsam ist, mit vollen Händen Großzügig von dem Seinen andern spenden, Wer ohne Ehrgeiz ist, darf sich vollenden Und der Berufung höchsten Platz ersteigen. Doch heute gilt ein andres als Gebot: Der zeigt sich kühn und ist barmherzig nicht, Der spendet viel und ist genügsam nicht, Der steigt empor und ist verzichtend nicht, - Und, was sie ernten, ist ein schlimmer Tod. Nur der barmherzige Kämpfer in der Schlacht Vermag als Sieger aus der Schlacht zu gehen, Vermag, verteidigend sich, zu widerstehen. Dem Menschen kann nicht größere Huld geschehen, Als daß der Himmel ihn barmherzig macht."

68

"ZUM FÜHREN taugt, wen Kriegen nicht begeistert Zum Kämpfen taugt, wer seinen Zorn bemeistert, Zum Überwinden taugt, wer Streit vermeidet, Zum Herrschen, wer als Diener sich bescheidet. Das ist: Nicht streitend Tugend offenbaren, Ist: Tüchtig sein, die Menschen zu verwenden, Ist: Seine Art der Art des Himmels paaren Und unserer Alten höchstes Ziel vollenden."

69

"EIN KRIEGSERFAHRENER sagte: „In der Schlacht Bin ich der Wirt nicht, sondern nur der Gast. Denn besser als ein Zoll voran in Hast Ist jede Elle rückwärts mit Bedacht." Das nennt man: Vorgehe ohne Vorzugehn, Bedrängen, ohne Ärmel hochzustreifen, Verfolgen, ohne vorher anzugreifen, Den Gegner ohne Kampf gefangen sehn. Der Törichte, der leichten Sinns greift an, Hat meiner Schätze Vorteil schon verloren, Lind der nur ist zum Sieger auserkoren, Der sie bewahrt und Milde üben kann."

70

"EINE WORTE zu verstehen Und zu folgen mir, ist leicht. Doch will keiner mich verstehen Und nicht einen kann ich sehen, Dessen Tun dem meinen gleicht. Ja, es ist ein Ahn vorhanden Meiner Worte, einen Herrn Hat mein Tun, und unverstanden Bleibe ich, weil unverstanden Dieser Ahnherr bleibt und fern. Ganz so, wie sie mich verstehen, Bin ich auch durch sie geehrt Wahrlich, wer ist ausersehen, Muß im Bettlerkleide gehen Und verheimlicht seinen Wert."

71

"DIE NICHTERKENNBARKEIT erkennen, Heißt: auf der Einsicht Gipfel stehn, Und dies Erkennen nicht erkennen, Ist als Gebrechen anzusehn. Die Heilung des Gebrechens findet, Wer als Gebrechen es empfindet. Der Weise hat es überwunden, Weil er, was ihm gebrach, empfunden, Und darf gebrechenfrei sich nennen."

72

"FÜRCHTET DAS Volk keine strafende Strenge, Bringt ihm vernichtende Strenge den Tod. Keinem sei drum seine Wohnung zu enge, Keinem das Dasein bebürdete Not. Macht man verdrießlich des Daseins Genuß, Wird der Verdrossene selber Verdruß. Weise des Weisen ist: sich zu erkennen, Nicht sich zu spiegeln in dem, was er ist, Liebend-bewußt sich sein eigen zu nennen, Ohne die Selbstsucht, die fordert und mißt. Jenes verschmäht er und dies hält er fest: So ist die Bahn, die er niemals verläßt."

73

"WER DAS Wagnis wagt zu töten, Muß wohl Mut im Herzen tragen, Und den gleichen Mut vonnöten Hat wohl, wer es nicht will wagen.- Was mehr nützet, wer kann's sagen? Ist ein Frevel auch geschehen, Den der Himmel muß verdammen, Wer kann bis zum Grunde sehen, Dem die Handlungen entstammen? - Besser ist es, abzustehen. Drum, wer berufen ist, bleibt bein Verzichte Und richtet nicht, damit der Himmel richte, Der ohne Streiten alles überwindet, Der ohne Rede jede Antwort findet, Zu dem man kommt, doch nicht gerufen wird. Der voller Langmut ist, doch unbeirrt... Das weite Netz des Himmels ist geknüpft Mit großen Maschen, aber nichts entschlüpft."

74

"WIE willst dein Volk du mit dem Tode schrecken, Wenn es den Tod nicht scheut, weil du versäumt, Die Lust zu leben in ihm zu erwecken? - Und hättest du die Plagen fortgeräumt, Um lebenswert sein Leben zu gestalten: Du könntest zwar in Todesfurcht es halten; Doch wenn ein Unbegreifliches geschehn, Wo wäre einer dann, der sich erböte, Daß er den Täter greife oder töte? Zu töten ist ein Richter ausersehn, Der jedem Tod und Leben zubestimmt. Wer es anstatt des Richters unternimmt Zu töten, gleicht dem Manne, der vermißt, Daß er kein Zimmermann, und mit dem Beil Des Zimmermanns zu hauen sich vermißt: -- Nur selten bleiben seine Glieder heil."

75

"DAS VOLK verhungert, weil die Obrigkeit Den Aufwand ihres Prassens ihm entpreßt. Das Volk ist störrisch, weil die Obrigkeit Zuviel betreibt, nichts aber treiben läßt; Es scheut den Tod nicht, weil es Überfluß Begehren lernt, den es entbehren muß. Nichts tun, nichts trachten um des Lebens willen, Ist rätlicher als Lebenshunger stillen."

76

"WEICH und schwach beginnt der Mensch sein Leben, Und zum Sterben kommt er stark und hart. Bäumen, Kräutern ist es gleich gegeben: Zart und schmiegsam treten sie ins Leben Und verlassen dürr es und erstarrt. So ist Stark und Hart des Tods Bereich, Ist Bereich des Lebens Schwach und Weich. Starke Kriegsmacht kann nicht überwinden, Starke Bäume weiß die Axt zu finden. Das, was stark und groß, muß unterliegen, Das, was weich und schwach, vermag zu siegen."

77

"WIE DES Himmels ewiges Walten Doch dem Bogenspannen gleicht: Hohes wird herabgebogen, Niedres wird heraufgezogen, Und die Spannkraft ist erreicht. Ganz so ist des Himmels Walten Dem, das Überfluß besitzt, Wird der Überfluß genommen, Den die Dürftigen bekommen, Daß er allen Wesen nützt. Doch der Menschen Herrscherwalten Ist ins Gegenteil verkehrt Den Bedürftigen wird genommen, Die Besitzenden bekommen Ihren Überfluß vermehrt. Nur des Wahrhaft-Weisen Walten Offenbart des Himmels Bahn: Was er wirkt auch und vollendet, Ohne Anspruch ist's gespendet, Nie für Schau und Schein getan."

78

"NICHTS IST in der Welt zu finden, Was wie Wasser weich und zart ist, Tüchtiger nichts, zu überwinden, Was von starker, harter Art ist, Nichts, was schwerer man entbehrte. Starkes muß dem Schwachen weichen. Wasser zeigt uns, daß es wahr ist. Aber keiner will ihm gleichen, Wenn's auch allen offenbar ist Und ein Heiliger schon lehrte: „Seines Landes Makel tragen, Heißt: voran beim Opfer gehen. Tragen seines Landes Plagen, Heißt: das Herrscheramt verstehen..." Worte wahr, doch wie verkehrte!"

79

"WENN DU Versöhnung hast gefunden Mit großem Hader, es bleibt doch Hader zurück; denn überwunden Hast du, was ungebessert noch. Drum nimmt, wer weise ist, die Pflichten Aus der Versöhnung willig an, Wird aber gern auf das verzichten, Was er daraus gewinnen kann. Wer Tugend hat, erweist Gewähren, Wer keine Tugend hat, treibt ein. Des Himmels Art ist: alles nähren Und keinem hold noch abhold sein."

80

"EIN LAND sei klein, klein der Bewohner Zahl, Und sollten sie Geräte auch besitzen Verzehn-, verhundertfacht zu ihrer Wahl: Mach, daß sie die Geräte nicht benützen! Laß ihnen Leben wichtig sein und Tod, Daß nichts sie treibt, die Welt sich anzusehen, Und, steten auch Schiff und Wagen zu Gebot, Zu Hause bleiben und zu Fuße gehen! Ist auch an Wehr und Waffen reich das Land, Laß den Besitz nicht zum Gebrauch verführen! Vergessen sei, daß man die Schrift erfand, Laß heim sie kehren zu den Knotenschnüren! Doch gönne ihnen allerbesten Schmaus, Laß sie bequeme, schöne Kleider tragen! Gib ihnen Frieden in geräumigem Haus Und frommer Sitten fröhliches Behagen! Sei denn ein Nachbarland so nahe auch, Daß sie der Hähne Krähn, der Hunde Bellen Von drüben hören können und den Rauch Aufsteigen sehen von den Feuerstellen Man wird uralt, man stirbt und wird begraben, Ohne das Nachbarland besucht zu haben."

81

"WER WAHRE Worte spricht, spricht schöne nicht, Nicht wahre Worte spricht, wer schöne spricht. Wer tüchtig ist, verschmäht der Rede List, Und listig redet, wer nicht tüchtig ist... Wer wahrhaft wissend ist, ist nicht gelehrt, Und wissend wird nicht, wer sein Wissen mehrt. Der Weise sammelt keine Güter an: Was er für andre tut, ist seine Habe. Weil ihm Besitz wird, was er spenden kann, Wird er begüterter durch jede Gabe. Des Himmels Weg ist: ohne Wehtun leiten, Des Weisen Weg ist: wohltun ohne Streiten!"
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